Sport : Videobeweis: Ist er dringend nötig? - Pro und Contra

Karsten Doneck

Pro

Millionen Fußball-Fans reden sich die Köpfe heiß - jedenfalls immer dann, wenn es zu umstrittenen Toren kommt. War der Ball hinter der Torlinie, hat er die Linie noch nicht mit vollem Durchmesser überschritten? Die Frage bleibt oft genug unbeantwortet. Eine Lösungsmöglichkeit könnte eine fest installierte Torkamera sein, auf die der Schiedsrichter notfalls zurückgreifen könnte. Nur: Wollen die Fans diese Kamera überhaupt?

Fußball ist keineswegs nur ein Spiel der Emotionen. Fußball, gerade in der höchsten Klasse, ist ein Wirtschaftsfaktor, es geht um Millionen. Wochenende für Wochenende spielen 18 Klubs von Hamburg bis Freiburg eine Art Monopoly mit Ball und verschärften Regeln: Gehe vor bis zum Dortmunder Westfalenstadion, überspringe dabei das Bremer Weserstadion.

Wer aus diesem Kreis durch Abstieg ausgestoßen wird, muss sich vorkommen wie ein Villenbesitzer aus dem Münchner Schickeria-Viertel Solln, der zwangsumquartiert wird in einen Chemnitzer Plattenbau.

Es liegt an den Mannschaften, sich solche Erniedrigungen zu ersparen. Indem sie die gegen den Abstieg notwendigen Tore schießen. Doch was nützt das Toreschießen, wenn die Tore - und sind sie noch so regulär erzielt worden - nicht anerkannt werden? Hamburger SV gegen 1. FC Köln: 1:1 lautete der Endstand. Eigentlich hatte der HSV ja 2:1 gewonnen, aber den Treffer des Hamburgers Niko Kovac in der Nachspielzeit hatten weder Schiedsrichter Jörg Keßler noch Stefan Weber, dessen Assistent an der Außenlinie, als solchen gesehen. Zu groß sei das Getümmel in jener Szene im Fünfmeterraum der Kölner gewesen, rechtfertigte sich der Referee. Wenn vier Augen irren ... Eine einzige Fernsehkamera deckte auf: Der Ball war einen halben Meter hinter der Torlinie.

Das Spiel wird immer schneller, oft auch unübersichtlicher. Da kommen Irrtümer vor, klar. Aber um welchen Preis? Vielleicht fehlen dem HSV am Saisonende ja ein oder zwei Punkte zum Klassenerhalt. Nicht auszudenken, was das für den Verein wirtschaftlich bedeuten würde.

Fußball soll berechenbar bleiben. Wer mehr Tore schießt als der Gegner, muss am Ende der Sieger sein. Deshalb muss die elektronische Torkamera her. Beim 100-m-Lauf hockten früher auch noch die Kampfrichter mit der Stoppuhr an der Ziellinie. Sie entschieden: Sieg oder Niederlage. Es war ein Segen für die Leichtathletik, als die elektronische Zeitmessung eingeführt wurde. Warum vertraut bloß der Fußball nicht auf derlei moderne Technik?
Karsten Doneck

Contra

Vom Altbundespräsidenten Heinrich Lübke ist bekannt, dass er den Ball im Netz hat zappeln sehen. Den Ball, der 1966 in Wembley von der Lattenkante vor die Torlinie sprang (gut, andere meinen dahinter). Möglicherweise hätte ein elektronischer Schiedsrichter Lübke über seinen Irrtum aufklären können. Aber sonst? Hätte er einen Beweis erbracht, ob das Tor nun ein Tor war oder nicht? Man weiß es nicht, aber ganz sicher hätte ein solch unmenschliches magisches Auge die schönste und leidenschaftlichste und immer währende Debatte der europäischen Fußballs verhindert.

Menschen irren und machen Fehler, auch im Fußball, und diese Unwägbarkeiten sind es, die den Fußball so faszinierend machen. Mag schon sein, dass der Hamburger SV am vergangenen Wochenende benachteiligt wurde, als der Schiedsrichter einen klaren Treffer nicht als solchen erkannte. Na und? Es wird auch schon Spiele gegeben haben, in denen der HSV einen unberechtigten Elfmeter zugesprochen bekam, ein Tor aus dem Abseits erzielte und Fouls beging, die nicht geahndet wurden. So ist das nun mal im Fußball, und Ungerechtigkeiten gleichen sich aus. Noch ist kein Verein deshalb abgestiegen, weil ein Schiedsrichter falsch schaute. Und Pleite gegangen ist auch noch kein Klub, weil ein ausgebliebener Pfiff die finanzielle Kalkulation über den Haufen warf. Wer Millionen in den Fußball, in den Sport, investiert, tut das ohnehin im Wissen, dass eine dauerhafte Hausse nicht garantiert ist.

Und schließlich: Der Ruf nach der unfehlbaren Technik als oberster Instanz ist der übliche Schrei nach Sicherheit im Leben. Die ist zwar nicht zu haben, wird aber allenthalben gesucht. Und zwar von den Langweilern, denen das Unklare suspekt ist, Risiken zu riskant sind und die Objektivität über Leidenschaft setzen. Die also genau die Dinge negieren, die den Fußball auszeichnen. Das Wembley-Tor - nach elektronischer Aufklärung wäre es heute ein Tor oder kein Tor in einem Weltmeisterschaftsfinale. Ohne diese Aufklärung ist es ein Mythos. Menschen brauchen Mythen.
Helmut Schümann

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