Sport : Viel Druck auf dem Ski

Deutschlands Abfahrer Max Rauffer soll Österreichs Stars allein gefährden und scheitert an den Erwartungen

Frank Bachner

Berlin. Vielleicht verfolgen Gourmets vor dem Fernseher keine Abfahrtsrennen mehr. Vielleicht sagen auch Leute, die sich neue Fenster in ihre Wohnung einbauen lassen wollen: Skirennen, Gott wie langweilig. Jedenfalls erreichen „Feinkost-Käfer“ und „Weru-Fensterbau“ zu wenig potentielle Kunden, wenn sie ihr Logo auf dem Helm von Max Rauffer platzieren. Sie haben diesen Platz wieder geräumt, schon länger, Abfahrtsfahrer Rauffer aus Gmund im Allgäu fährt seit 2002 schon ohne Kopfsponsor. „Sie wissen ja, die wirtschaftliche Lage“, sagt er.

Das wäre die Erklärung, die Max Rauffer schützt. Die hätte nichts mit seinen Ergebnissen und seinem Image zu tun. Aber so einfach ist es wohl nicht. Image und Resultate lassen sich nicht ausblenden. Rauffer war bei der Weltcup-Abfahrt in Lake Louise auf Platz neun gerast, eigentlich eine gute Platzierung für ihn. Nützt dies etwas bei der Sponsorensuche? „Na ja“, sagt Rauffer, „direkt danach bin ich ja mit einer Erkältung nach Hause gefahren. Und da sagen die Sponsoren wieder: ,Der ist ja wieder verletzt.’“ Vor dem Abflug ist er aber in Lake Louise noch den Super-G gefahren. Er war erkältet. Er fuhr auf Platz 49. „Sponsoren warten darauf, dass ich meine gute Platzierung bestätige“, sagt Rauffer.

Viele warten darauf. Werner Margreiter, der Cheftrainer der deutschen Skifahrer, sagte nach Platz neun in Lake Louise: „Es war mehr drin.“ Die Medien warten. Sie bezeichneten Rauffer als Weichei, weil er erkältet nach Hause flog. Die Sponsoren warten, weil sie mehr wollen als einmal Platz drei beim Weltcup in Kvitfjell (im Jahr 2000), Platz zwölf in Wengen (2003) und Platz neun in Lake Louise. Vielleicht am Sonnabend in Gröden, da steigt Rauffer wieder in den Weltcup ein.

Max Rauffer, das ist die Geschichte eines Sportlers, der hoch talentiert an vielfältigem Druck scheitert. Der Druck, unter den er sich setzt, vermischt sich mit einem anderen Druck, dem er eigentlich nicht wirklich standhalten kann. Rauffer soll sich erfolgreich der österreichischen Übermacht entgegenstellen. Er, ganz allein, Max Rauffer, 31, Hauptfeldwebel, nach einem fürchterlichen Sturz 1997 in Beaver Creek knapp an der Querschnittslähmung vorbeigeschrammt. Es bleibt ja nur Rauffer. Florian Eckert, der WM-Dritte von 2001, hofft nach fast dreijähriger Verletzung auf ein Comeback, Stefan Stankalla fährt zuverlässig weit hinterher. „Ich muss sagen, dieser Druck hat mich schon zeitweise stark belastet“, sagt Rauffer. Der Allgäuer ist ein ruhiger Mann mit Ausstrahlung. „Eine Persönlichkeit“, sagt Ralf Eder, der Pressesprecher des Deutschen Ski-Verbandes. Rauffer hat viele Verletzungen abgehakt und ist wieder gekommen. „Aber mit diesem Druckkonnte ich lange nicht umgehen.“

Es ist grotesk, ernsthaft zu erwarten, Rauffer könne die österreichischen Superstars regelmäßig im Kampf um Top-Plätze besiegen. Das ist der öffentliche Druck, und bei den Olympischen Spielen mischte er sich besonders stark mit dem Druck, unter den sich Rauffer selbst setzt. Er war in Salt Lake City 2002 der einzige deutsche Fahrer in den schnellen Disziplinen, jeder starrte auf ihn. Rauffer fuhr in der Abfahrt auf Platz 34 und im Super-G auf Platz 22. „Olympia-untaugliche Rennen“, tobte der damalige Männer-Cheftrainer Martin Oßwald. „Stimmt“, sagt Rauffer, „ich fuhr wirklich viel schlechter, als ich hätte fahren können.“ Trotzdem, sagt Rauffer, die Kritik war überzogen. „Niemand hatte berücksichtigt, dass allein schon die Olympia-Qualifikation ein Erfolg war. Ich war ja körperlich nicht in Bestform.“ Dazu kam beim entscheidenden Qualifkationsrennen in Garmisch im Super-G die nervliche Belastung. Eine halbe Stunde vor dem Start hatte Rauffer plötzlich Nasenbluten. Wegen des Drucks, auf seiner Hausstrecke gut aussehen zu müssen? „Doch, ja.“ Rauffer wurde 17. Das hätte nicht für Olympia gereicht. Nur dank eines kuriosen Rechenspiels erfüllte er doch noch die Verbandsnorm.

Rauffer ist der, der immer zu wenig aus sich herausholt. Der Hoffnungen macht und dann enttäuscht. Gegen dieses Image muss er ankämpfen. Doch irgendwann waren wohl auch die Sponsoren einmal zu oft enttäuscht. Bei der WM-Abfahrt 2003, da gab’s den typischen Rauffer. Der Allgäuer lag bei der Zwischenzeit auf Platz zwei. Hoffnung bei den Trainern. Kurz darauf stürzte Rauffer bei einem Sprung. Kjetil-Andre Aamodt, der Vize-Weltmeister aus Norwegen, spottete: „Max ist ein guter Fahrer, aber man muss auch mal ins Ziel kommen.“ Und Oßwald knurrte: „Traurig, wenn man sieht, was drin gewesen wäre.“ Rauffer sagt: „Ich lese und höre die Kritik der Medien gar nicht mehr.“ Stattdessen verschanzt er sich hinter dem Satz: „Ich kämpfe weiter.“ Er hat jetzt in Österreich „vier Tage sehr gut trainiert“, er „schaut nur nach vorne. Jetzt brauche ich bloß noch mehr Selbstbewusstein“. Es geht auch um die 10000 Euro Kaution, die er beim Verband hinterlegt hat. Die erhält er nur zurück, wenn er am Saisonende unter den Top 15 im Gesamtweltcup ist.

Doch der Kampf ums Geld hat für ihn Grenzen. Rauffer ist Profi, aber er bettelt nicht. „Ich habe keinen Manager, der für mich Angebote von Sponsoren holt.“ Offerten müssen ihm schon ins Haus flattern. „Klinken putze ich nicht.“ So viel Selbstbewusstsein ist auf jeden Fall schon da.

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