Sport : Viel Folklore, nichts dahinter

Nach dem Abstieg steht der 1. FC Köln mit vielen Problemen und ohne sportliche Führung da.

Jörg Strohschein[Köln]
Schwarzer Rauch über grünem Rasen. In Köln regiert mal wieder das Chaos. Foto: dapd
Schwarzer Rauch über grünem Rasen. In Köln regiert mal wieder das Chaos. Foto: dapdFoto: dapd

Die Gemüter einiger Anhänger des 1. FC Köln hatten sich auch am Samstagabend noch nicht beruhigt. Sechs offenbar angetrunkene Fans hatten sich zu fortgeschrittener Stunde sogar in den Hausflur von Pedro Geromel vorgearbeitet, um dem Verteidiger nach dem 1:4 gegen den FC Bayern München ihre Meinung über den fünften Abstieg der Kölner mitzuteilen. Allerdings war Geromel zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Hause, der Hausmeister konnte die Situation bereinigen.

Die Wut und die Enttäuschung über den rheinischen Traditionsverein sind groß in der Stadt. Die unübersichtlichen Zustände im Kölner Stadion, als Rauchbomben gezündet wurden und Hooligans nach Schlusspfiff versuchten, den Rasen zu stürmen, waren der Tiefpunkt einer Chaos-Saison, in der die Kölner von schier unendlich vielen Personal-, Team- und Umfeldproblemen durchgeschüttelt wurden. Diese permanente Unruhe riss den FC letztlich in den Abgrund. „Wir haben insbesondere in der Rückrunde vor allem auf, aber auch neben dem Platz, leider die Performance eines Absteigers gezeigt“, sagte Geschäftsführer Claus Horstmann. „Es gab in der Rückrunde zu viel Unruhe und in zu vielen Fällen war sie selbst gemacht.“

Und mit dieser bitteren Erkenntnis im Hinterkopf müssen die Kölner einen völligen Neustart beginnen. Denn der Klub verfügt momentan weder über einen Trainer noch über einen Manager. Als Kandidat für den Posten des sportlichen Leiters hat der gerade erst in Hannover zurückgetretene Jörg Schmadtke bereits abgesagt. Als mögliche Trainer werden Mike Büskens oder Jos Luhukay gehandelt. „Wir haben die Aufgabe, aus dieser Saison die richtigen Lehren zu ziehen. Wir brauchen eine sportliche Doppelspitze, die kompetent und teamfähig ist“, sagte Horstmann.

Doch nicht nur die sportliche Führung ist vakant. Es mangelt vor allem an einer Mannschaft, die ausgewogen zusammengestellt ist und einen gemeinsamen Teamgedanken verfolgt. „Was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist, ist eine ganz schwierige Konstellation“, urteilte Interimstrainer Frank Schaefer. Es hakt an allen Ecken. Und diese Ausgangslage dürfte dem neuen Präsidium seine Aufgabe nicht gerade erleichtern. „Wir sind angetreten, um den Verein wirtschaftlich und sportlich wieder in Ordnung zu bringen. Dafür benötigen wir aber Zeit und Geduld“, sagt Präsident Werner Spinner.

Am Sonntagmorgen debattierten Vorstand und der Gesellschafterausschuss des Klubs über die Zukunft. Die Handlungsfreiheit ist eingeschränkt. Es drücken rund 30 Millionen Euro Schulden, zudem werde der Klub in der 2. Liga „rund 30 Prozent des Umsatzes verlieren“, sagt Horstmann. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verkündung des präsidialen Konzepts, künftig vermehrt auf die eigene Jugend setzen zu wollen, weniger als innovative denn als zwangsläufige Kurskorrektur.

Lukas Podolski verlässt den Verein in Richtung London zum FC Arsenal. Für ihn dürfte das eher eine Erleichterung sein, den überhöhten Anforderungen als sportlicher Heilsbringer konnte er einfach nicht gerecht werden. Es war Podolskis dritter Abstieg mit den Kölnern. Der Folklore-freudige Klub verliert damit seine letzte große Integrationsfigur. Auch Frank Schaefer wird wieder ins zweite Glied zurücktreten. Welche Funktion er übernehmen wird, darüber schweigt sich das Kölner Urgestein bisher aus. Eine der dringlichsten Aufgaben ist es zudem, neue Konzepte im Umgang mit den Fans zu erarbeiten, den „normalen“ sowie auch den Ultras.

Es bleibt viel zu tun beim 1.FC Köln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben