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Warum der Hamburger SV unter Trainer Doll wieder ernst genommen werden muss

Gerhard Krug[Hamburg]

Wie kann das sein? Vor einem halben Jahr wäre das der größte Langweiler der Bundesliga gewesen: Bayern München gegen den HSV. Titelfavorit gegen möglicher Absteiger. Zuletzt hatten die Hamburger dort mit einem gewissen Horst Hrubesch gewonnen. Das war im vorigen Jahrtausend. Nun füllt die ARD ihr Abendprogramm mit diesem Match (20.30 Uhr, live in der ARD). Neu ist: Diesmal glauben viele Hamburger an die Chance ihrer Truppe. Wie konnte es zu dieser Euphorie bei den sonst so skeptischen Pfeffersäcken kommen?

Es sind die gleichen Spieler wie vor sechs Monaten, fast der gleiche Vorstand. Bleibt der Trainer. Thomas Doll hat Klaus Toppmöller ersetzt, der auf dem 18. Platz gelandet war. Und was macht dieser Doll am ersten Tag als Chef: Er holt ein paar Proben aus der untersten Schublade der Küchen-Psychologie. Seine Spieler fangen Kollegen auf, die sich aus der Höhe herabfallen lassen, andere laufen blind über den Rasen, um sich von ihren Partnern führen zu lassen. Er lässt die Akustik im Stadion auf Dortmunder Dezibel drehen, um sein in der Fremde wackliges Team an die erwartete Umgebung zu gewöhnen. Und in dieser Woche knipst er das Flutlicht an, weil in München ja am Abend gekickt wird.

Die alten Hasen, die das am Rande der AOL-Arena in Hamburg verfolgt haben, stießen einander heimlich an: Na, wo lernt man denn sowas? An der Kölner Sporthochschule. Und da haben schon Generationen von Groß-Kickern die Nase gerümpft: Das ist doch Humbug. Was wäre gewesen, wenn die ersten Spiele unter Doll verloren gegangen wären? Man hätte ihn zerlegt wie Jürgen Klinsmann, wäre der nicht auch so erfolgreich als Bundestrainer gestartet.

Was Klinsmann und Doll vereint, ist die fröhliche Grundhaltung, diese Aufbruchstimmung, dieser unerschütterlicher Optimismus. Aber das eigentlich Besondere, das neben Klinsmann und Doll auch Trainer wie Uwe Rapolder (Bielefeld), Jürgen Klopp (Mainz), Ralf Rangnick (Schalke) und auch Ewald Lienen (Hannover) verbindet, sind vier Essentials, die früher schon Gültigkeit hatten. Der Unterschied liegt in der Ansprache, in der Kommunikation. Erstens: Die Kompetenz aus Erfahrung. Es kann nicht schaden, wenn der Trainer eine große aktive Karriere vorzeigen kann. Zweitens: Die Glaubwürdigkeit durch Übereinstimmung von Reden und Handeln. Spieler merken schnell, wenn den Ankündigungen keine Taten folgen. Drittens: Das Vorleben dessen, was man von den Spielern erwartet: Entschlossenheit, Einsatz, Risikobereitschaft, Teamgeist. Viertens: Spieler zu Dankbarkeit verpflichten.

Dieser letzte Mosaikstein auf dem Wege zu einer intakten Elf ist besonders wichtig. Doll hat instinktiv viele richtige Entscheidungen gefällt: Er hat den Verteidiger Klingbeil gleich beim schwersten Auswärtsspiel in Dortmund eingesetzt, um zu signalisieren, dass viele seine Arbeit bei den Amateuren nicht richtig eingeschätzt haben. Der junge Linksverteidiger spielte bravourös. Doll reanimierte die Routiniers Beinlich und Barbarez, die bei Toppmöller vor der Aussortierung standen. Und er setzte auf den unglücklichen, aber immer kämpferischen Takahara, der in seinem Übereifer oft über den Ball gestolpert war.

Das sind schon mal vier Spieler, die für Doll durch dick und dünn gehen, die ihm das Vertrauen zurückzahlen wollen. Und Doll spielte zudem die Risiko-Karte: Er schickte den besten Torjäger weg, der nicht in sein Konzept passt – den Argentinier Romero. Der machte fast in jedem Spiel ein Tor, fiel aber auswärts völlig aus. Doll braucht den Allzweck-Typen, der Angreifer und Abwehrspieler in Personalunion ist. Den wollen inzwischen alle modernen Trainer, auch in Madrid, wo der Däne Gravesen den Engländer Beckham absichern muss. Aber Doll ging noch weiter: Er schickte auch den einzigen Nationalspieler, den der HSV hat, aufgrund seines reduzierten Repertoires in die Wüste: Rahn. Nun weiß die Mannschaft, woran sie ist, was von ihr erwartet wird.

Fußball ist so kompliziert und doch so einfach: Wenn sich der Erfolg einstellt, dann ist auch die Atmosphäre besser. Dann wird gelacht und gescherzt, und daraus entwickeln sich wieder Siege. Das ist eine Binsenwahrheit, aber dagegen ist wenig auszurichten. Es gab übrigens mal eine HSV-Elf, die verlor in den 60er Jahren 2:9 in München. Da war der Autor auch dabei. Aber es gab Schnee und Föhn. Das wird heute nicht passieren. Und damals hieß der Gegner 1860.

Der Autor spielte von 1963 bis 1967 für den HSV in der Bundesliga, wurde Deutscher Meister und Pokalsieger und schoss in 64 Bundesligaspielen nur vier Tore.

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