Viel zu analysieren : Getroffen, ohne zu treffen

Hertha BSC macht sich nach dem 0:0 gegen Borussia Dortmund auf die Suche nach den Gründen für den unveränderten Tabellenplatz 18.

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Kniefall. Herthas Roman Hubnik fällt für sechs Wochen verletzt aus. Foto: dpa
Kniefall. Herthas Roman Hubnik fällt für sechs Wochen verletzt aus. Foto: dpaFoto: dpa

BerlinGestern gegen Mittag ereilte Hertha BSC die nächste böse Nachricht. Innenverteidiger Roman Hubnik hat sich so schwer verletzt, dass er die kommenden sechs Wochen ausfallen wird. Was das für den abstiegsbedrohten Bundesligisten bei noch sechs ausstehenden Spielen bedeutet, ist klar. „Das war kein guter Tag: Erst die zwei Punkte weg und nun auch noch Roman weg“, sagt dessen Mitspieler Levan Kobiaschwili und streicht sich nachdenklich durch die Haare.

Levan Kobiaschwili ist nicht für seine Übertreibungen bekannt geworden im deutschen Fußball. Diesmal aber hätte er sagen können, dass es wirklich saublöd gelaufen ist am Samstag, als dem regulärem Tor Herthas die Anerkennung durch den Schiedsrichter versagt und Stammspieler Roman Hubnik schwer verletzt worden war. Nach der Untersuchung am Sonntag wurde im rechten Knie des 25-jährigen Abwehrspielers ein Anriss des Innenmeniskus, eine Zerrung des hinteren Kreuzbandes sowie eine Teilruptur des Innenbandes diagnostiziert. Das alles hört sich nicht gut an, ist es auch nicht.

Im übertragenen Sinne verhält es sich mit Hertha BSC nicht viel anders als mit dem Knie des langen Pragers Hubnik. Zwar haben die Berliner einen Punkt aufgeholt auf die Abstiegskonkurrenz aus Hannover und Nürnberg, die verloren hat. Doch in Anbetracht von nur noch sechs ausstehenden Duellen mit zum Teil hochkarätiger Gegnerschaft wie Stuttgart, Schalke, Leverkusen und Bayern München fühlt sich das torlose Unentschieden wie ein Rückschritt an.

„Wir haben nicht einmal in dieser Saison profitiert von Fehlentscheidungen“, faucht Friedhelm Funkel am Tag danach noch. Nach dem Auslaufen am Sonntag spricht Herthas Trainer von „vier, fünf Punkten“, die seine Mannschaft auf Grund von Schiedsrichterleistungen weniger auf dem Konto habe. „Gerade in unserer Situation ist das bitter“, sagt Funkel und zählt die Spiele auf, in denen er seine Elf benachteiligt sieht: das 1:2 in Bremen, das 1:2 gegen Nürnberg und nun das nicht anerkannte Kopfballtor von Theofanis Gekas. „Das war ein klares Tor“, sagt Funkel, „ich weiß auch nicht, warum der Linienrichter gerade bei uns diese nervösen Zuckungen hat.“ Selbst der sonst so stumme Manager will das nicht kommentarlos stehen lassen: „Gegen Nürnberg verloren, weil die Fahne unten blieb, diesmal zwei Punkte verloren, weil sie oben ist“, sagt Michael Preetz. Er und Funkel sprechen von sich summierenden Abseits-Entscheidungen gegen ihre um Anschluss ringende Mannschaft und versteigen sich gar in ein „Hauptstadt-Problem“, wie es Preetz nennt.

Die Spieler geben sich gelassener. „Es bringt nichts, wenn wir weiterreden, uns gibt keiner die zwei Punkte“, sagt Levan Kobiaschwili. Er sei kein Experte, habe sich aber doch schon gewundert, wie der Schiedsrichter die strittige Situation ausgelegt habe. „In der Tabelle tut das richtig weh“, sagt er. Aber, und daran könne man sich aufrichten: Die Mannschaft habe mehr Potenzial als ihr Tabellenplatz, was jeden motiviere: „Jeder von uns will doch in der Bundesliga weiterspielen.“

Auch Fabian Lustenberger, der den langen Pass auf Gekas geschlagen hat, will von Verschwörung nichts wissen. „An der Schiedsrichterleistung liegt es doch nicht“, sagt der Schweizer, der im zentralen, defensiven Mittelfeld seit Wochen stark spielt. Er sieht das Problem in der Chancenverwertung. Und das seit Wochen. Hertha erspiele sich inzwischen gegen jeden Gegner einige davon – allerdings mit bekanntem Ausgang, Wolfsburg mal ausgenommen.

Anstoß oder Freistoß. Herthas Kapitän Arne Friedrich diskutiert mit Schiedsrichter Lutz Wagner über dessen Abseitsentscheidung. Foto: contrast
Anstoß oder Freistoß. Herthas Kapitän Arne Friedrich diskutiert mit Schiedsrichter Lutz Wagner über dessen Abseitsentscheidung....Foto: contrastphoto

Kobiaschwili und Lustenberger sind sich einig. Hertha schießt zu wenig Tore. Zu beobachten vor allem in den Heimspielen der Rückrunde gegen Mönchengladbach (0:0), Bochum (0:0) oder Mainz (1:1). Auch gegen Hoffenheim (0:2) und Nürnberg (1:2) muss nicht verloren werden. Vor allem in diesen Spielen hat Hertha Punkte liegen lassen, die am Ende vielleicht fehlen werden. Ein Aufgeben aber gibt es nicht.

Denn auch gegen den Tabellenvierten Dortmund war Hertha in wesentlichen Belangen eines Spiels wie Zweikämpfen, Ballbesitz, Flanken, Ecken und Torschüssen überlegen. Erneut hatten sich die Berliner eine Vielzahl von Torchancen erspielt, die Kacar, Adrian Ramos, Raffael und Gekas ungenutzt ließen. Inzwischen scheint der eine oder andere Spieler fast schon einen Komplex vor dem gegnerischen Tor aufgebaut haben. „Nach jeder vergebenen Chance kommt einem das Gefühl hoch: Scheiße, heut’ geht wieder nichts rein“, erzählt Lustenberger. Andererseits sei die Stimmung im Team nicht so schlecht, wie mancher glauben könnte. „Warum auch, die Mannschaft zeigt Leistung, das war ja nicht immer so“, sagt Lustenberger. Jeder könne rausgehen und ein positives Gefühl haben. „Jetzt müssen wir dranbleiben und weiter arbeiten. Vielleicht haben wir in den restlichen Spielen ein wenig von dem Glück, dass uns jetzt ein- , zweimal gefehlt hat.“

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