Sport : Viele Chancen und ein Marcelinho

Wie stark ist Hertha BSC wirklich? Der Verein liegt trotz des Sieges gegen Nürnberg nicht im Plan – jetzt soll es besser werden

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Von Michael Rosentritt

Berlin. Dieter Hoeneß tanzte wie schon lange nicht mehr. Der Manager von Hertha BSC herzte jeden, der sich ihm am Spielfeldrand in den Weg stellte. Nicht, dass er mit einem Heimsieg über den 1. FC Nürnberg nicht gerechnet hätte. Nur sah es eben lange nicht danach aus. Überhaupt sieht in dieser Saison nicht alles so aus, wie man es sich bei Hertha vorgestellt hat. Weshalb so ziemlich jedes Spiel von Hertha so etwas wie Endspielcharakter besitzt. Da zählt jeder Zittersieg.

Man mag an Hoeneß’ Tänzchen nicht alles ablesen. Zumindest aber lässt er ins Gemüt blicken. Hertha gewinnt momentan nicht gerade oft, und wenn, dann alles andere als souverän. Gegen Aberdeen etwa fiel das Siegtor in der vorletzten Spielminute. Gegen Nürnberg drehte Marcelinho das Spiel ebenfalls kurz vor Schluss. Jetzt ist erst mal Länderspielpause. Zeit, um Antworten zu finden. Wie stark ist Hertha wirklich?

Angetreten ist Hertha, um die großen Drei der Branche anzugreifen, wie es Hoeneß im August formulierte. Also die Bayern, Meister Dortmund und den ewigen Vize aus Leverkusen. Ein Champions-League-Platz soll es am Saisonende, bitte schön, sein, egal, wer von den Dreien hinter Hertha bleibt, nur einer muss es schon sein. Ein ehrgeiziges Ziel.

Das Potenzial des Berliner Kaders wird niemand bestreiten. Hoeneß hat den Erfolgstrainer Huub Stevens geholt, Weltmeister Luizao verpflichtet und einen Senkrechtstarter wie Arne Friedrich im Team, der es nach einem Bundesligaspiel zum Nationalspieler brachte. Noch aber passt längst nicht alles zusammen. Wie konkurrenzfähig dieser Kader ist, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Da spielt die Formstabilität des Einzelnen genauso eine Rolle wie die Balance innerhalb des Ganzen. Es spricht für Stevens, wenn er nur selten auf die lange Verletztenliste verweist. Vielmehr verschieben sich die Problemfelder bei Hertha. Nach anfänglichen Teilerfolgen in Dortmund und bei Schalke versagten der Mannschaft bei Heimspielen die Nerven. Schließlich glückte nach dem ersten Saisonsieg in Bielefeld der erste Heimsieg gegen Hamburg. Es war der sechste Spieltag der Saison. Der Mannschaft gelang es schließlich, dreimal hintereinander zu null zu spielen. Ein Indiz dafür, dass es in der Abwehr funktionierte. Was fehlte, waren die zu wenig erspielten eigenen Torchancen. Hertha hatte in dieser Hinsicht nach sieben Spieltagen den sechstschlechtesten Wert aller Bundesligisten. Was nicht gerade für das Mittelfeld sprach, dort, wo gefährliche Situationen für das gegnerische Tor meistens kreiert werden.

Mittlerweile ist das Problem gewandert. Nach vorn, in den Sturm, und nach hinten, in die Abwehr. Gegen Nürnberg erspielte sich die Mannschaft eine Vielzahl von Torchancen. Allein Michael Preetz, Roberto Pinto und Bart Goor boten sich sechs erstklassige Einschussmöglichkeiten, die ungenutzt blieben. „Das waren ja Möglichkeiten, um zwei Spiele zu gewinnen“, sagte Dieter Hoeneß hinterher. Neun Tore erzielte Hertha in acht Bundesligaspielen. Einzig Wolfsburg sowie der Tabellenvorletzte (Kaiserslautern) und der Tabellenletzte (Cottbus) sind in dieser Rubrik schlechter. Für Stevens noch lange kein Grund, daraus ein Problem zu machen. „Natürlich haben wir viele Chancen ausgelassen. Aber schlimmer wäre es, wenn wir nicht so viele Chancen herausspielen würden“, sagte Stevens. Was er nicht sagte, ist, dass dieselbe Mannschaft in demselben Spiel ungewohnt viele Chancen für den Gegner zuließ. Nicht auszudenken, wenn an diesem Tag nicht auch die Nürnberger Schwächen im Abschluss gehabt hätten.

Huub Stevens, dem eine beispiellose analytische Arbeit nachgesagt werden kann, wird wissen, dass es noch einige Konstruktionsfehler im Gebilde Hertha gibt. Marcelinho, das bisher einzig funktionierende Konzept, wird nicht ausreichen. Stevens wird seine Schlüsse ziehen. Bereits nach dem Spiel gegen Aberdeen bündelte er eine Kernerkenntnis in einem Satz. „Wir müssen mal früher zum Torerfolg kommen“, sagte der Niederländer. Stevens hat längst erkannt, dass Herthas Probleme bisher in der Psyche lagen. „Uns fehlt mal ein souveräner Sieg, der die Spieler und unsere Nerven beruhigt.“

Wohl selten kam Hertha eine Länderspielpause gelegener als die kommende. Das nächste Bundesligaspiel bestreiten die Berliner am 19. Oktober in Cottbus. Bis dahin dürfte sich auch die Lage an der Verletztenfront etwas entschärft haben. Spieler wie Alex Alves, Josip Simunic oder Stefan Beinlich sind in Bestform nur bedingt ersetzbar. „Der Knoten wird bestimmt bald platzen“, sagte Hoeneß am Samstag. Er wird platzen müssen, ehe andere Sachen platzen.

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