Sport : „Vielen fehlt der Mut“

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Beim WM-Finale könnte es zum Elfmeterschießen kommen. Haben Sie instinktiv Mitleid mit dem jeweiligen Schützen?

Wieso denn? Dem Schützen muss man erst mal gratulieren. Es gibt viele Profis, die können das gar nicht, denen fehlt der Mut. Es kann ja immer sein, dass der Ball nicht reingeht – vor Millionen Fernsehzuschauern.

Da spricht der Experte. Sie mussten als Kapitän von Ghana im Afrika-Cup-Finale 1992 beim Elfmeterschießen zweimal ran, weil alle Schützen schon durch waren. Beim zweiten Mal verschossen Sie, die Elfenbeinküste wurde Afrika-Cup-Sieger. Was geht einem in dieser Sekunde durch den Kopf?

Erst mal nichts, man spürt eine gewisse Leere. Ich hatte ja damit gerechnet, dass er reingeht. Aber ich hatte ein gutes Turnier gespielt, da verkraftet man dies leichter.

Musste man Sie denn zu diesem zweiten Versuch zwingen?

Natürlich nicht. Ich war schließlich Kapitän.

Sie hatten wieder die gleiche Ecke gewählt wie beim ersten Versuch.

Ja, war ja auch kein Problem. Ich hatte einen harten, platzierten Schuss, da geht das schon, auch wenn der Torhüter in die richtige Ecke fliegt. Nur hatte ich diesmal nicht gut geschossen, der Keeper hielt den Ball.

Der zweite Elfmeter kam unerwartet. Hatten Sie nach Ihrem ersten gelungenen Versuch überhaupt noch die notwendige Spannung?

Unerwartet kam das schon. Aber man hat immer genügend Spannung. Zu locker war ich jedenfalls nicht.

Und wie empfing man Sie in der Kabine?

Ganz normal. Vorwürfe hätte ich mir auch nicht gefallen lassen. Außerdem hatte Ghana nach zehn Jahren mal wieder an einem Afrika-Cup teilgenommen, und wir waren zudem noch eine der besten Mannschaften.

Waren die Leute in Ghana auch so nachsichtig?

Ja, der Empfang war riesig. Millionen Menschen haben uns empfangen. Die Leute waren mit unserer Leistung zufrieden.

Und mit welchem Gefühl haben Sie Ihren nächsten Elfmeter geschosssen?

Ach, das war nicht schlimm. Ich habe immer die Elfmeter und Freistöße geschossen, der Fehlschuss hat mich nicht lange beschäftigt.

Bei der WM hatte Senegal angeblich fünf Voodoo-Zauberer dabei. Die sollten, klar aufgeteilt, die gegnerischen Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer verhexen...

...anscheinend konnten sie die Türken nicht verhexen. Die gewannen das Viertelfinale.

Hatte Voodoo bei Ihnen eine Rolle gespielt?

Ach was, Voodoo kommt aus Benin, Westafrika. In Senegal gibt es so etwas nicht. Es gibt aber alte Bräuche, und die setzt man natürlich ein. Auch bei einer WM.

Wie waren denn bei Ihnen die Bräuche?

Bei uns zauberten keine Medizinmänner. Aber in Ghana sind alle Spieler sehr gläubig. Da hat jeder seine Bibel dabei. Zudem singen sie in der Kabine, und zwar so, dass es der Gegner hört. Damit wollen sie sich Selbstvertrauen holen und den Gegner einschüchtern. Schauen Sie sich doch mal an, wie locker die in ein Spiel gehen.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

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