Sport : „Vielleicht fragen wir die Götter“

Athens Bürgermeisterin Dora Bakoyannis über die organisatorischen Probleme rund um die Olympischen Spiele 2004

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Wie oft schaut eigentlich Denis Oswald bei Ihnen vorbei? Der muss sich als verantwortlicher Koordinator für Olympia 2004 im Internationalen Olympischen Komitee ständig über die Vorbereitungen informieren. Ist er ein Dauergast in Athen?

Herr Oswald ist mindestens einmal pro Monat in Athen. Wenn er da ist, äußert er sich stets positiv über die OlympiaVorbereitung.

Vor kurzem hat er sich in Deutschland allerdings alles andere als positiv geäußert. Beim Thema Verkehr hat er gesagt: „Es sind 25 Kilometer Straßenbahn-Verbindungen geplant, aber wenn nur ein Teil davon ausfällt, bricht alles zusammen.“

Es hat in Griechenland viele Leute gestört, dass er diese Befürchtung nicht in Athen geäußert hat. Ich versichere Ihnen, die Straßenbahnschienen werden komplett verlegt sein.

Da sind Sie sich sicher?

Bei den Straßenbahnschienen: ja.

Aha. Und wo fehlt Ihnen diese Sicherheit?

Schauen Sie, ich bin grundsätzlich optimistisch. Aber ich kann nicht ausschließen, dass ein unerwartetes Problem auftaucht. Bei der Gestaltung der Grünflächen sind wir zum Beispiel verspätet. Es werden nicht alle Bäume und Sträucher so gewachsen sein, wie wir uns das gedacht hatten.

Wenn es nur die Grünflächen wären. Enorme Verspätung haben Sie zum Beispiel beim Straßenbahnschienen-Bau im Athener Vorort Faliron. Dort stellte sich der Bürgermeister monatelang quer. Erst als ihn ein neues Gesetz dazu zwang, hat er der Verlegung der Schienen zugestimmt.

Das hätte man früher lösen können. Wir haben drei Jahre zu spät mit den Arbeiten begonnen, das stimmt. Andererseits haben die Bürger auch ihre eigenen Prioritäten. Die Bürger von Faliron wollten nun mal nicht, dass die Schienen wie geplant durch ihren Ort verlegt werden. Man muss in einer Demokratie auf die Menschen hören. Deshalb gab es auch bestimmte Änderungen. Für jemanden, der Griechenland nur besucht, ist es natürlich leicht zu sagen: Weshalb funktioniert dieser oder jener Plan nicht? Aber in Griechenland machen die Menschen von ihren Rechten Gebrauch.

Es ist ja wunderbar, dass die Griechen eine aktive Demokratie leben. Aber wenn man weiß, wie sehr die Menschen ihre Rechten nutzen, hätte man doch erst recht nicht so spät mit den Arbeiten beginnen dürfen.

Nicht wir haben zu spät begonnen, die Regierung hat zu spät begonnen. Das habe ich als Mitglied der Opposition ja auch kritisiert. Aber andererseits: Wir haben aufgeholt. Das hat natürlich viel Geld und Nerven gekostet, aber wir liegen jetzt im Zeitplan.

Überall liegen Sie offenbar nicht im Zeitplan. Denis Oswald orakelte auch: „Wenn die vielen Straßen-Unterführungen nicht rechtzeitig fertig werden, ist alles blockiert.“

Ich weiß nicht, was er damit meint. Wir haben eine Unterführung, und die wird fertig.

Im IOC herrscht auch Verstimmung, weil aus Athen gemeldet wurde, die Stadt sei zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele wegen der Ferien weitgehend leer. Die Athener aber denken gar nicht daran, während der Spiele zu verreisen.

Ich weiß nicht, wer dem IOC so etwas gemeldet hat. Ich war es auf jeden Fall nicht. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das IOC geglaubt hat, eine Stadt mit vier Millionen Menschen sei leer, wenn dort Olympische Spiele stattfinden. Das wäre ja irrsinnig peinlich für die Stadt, wenn die Stadien nur halb voll wären. Die Bürger sind doch stolz auf diese Spiele.

Davon war in den griechischen Medien bis jetzt nichts zu spüren.

Die Medien verfolgen sehr genau die Entwicklung, aber das heißt nicht, dass die Stimmung negativ ist. Die Athener warten gespannt auf die Spiele. Das nationale Gefühl ist sehr ausgeprägt, und wir sind ein gastfreundliches Land. Aber die Bürger werden einen harten Winter haben, und das macht nicht viel Spaß. Die Hälfte der Straßen sind gesperrt, weil sie neu asphaltiert werden.

Deutschlands Olympia-Touristen interessiert dagegen vor allem, ob sie in Athen sicher ein Bett bekommen oder ob sie im Park nächtigen müssen. Können Sie garantieren, dass es keine Übernachtungsprobleme geben wird? Die Bettenfrage gilt als eines der großen Probleme Athens.

Die gut organisierten Touristen haben ihr Bett. Aber ob auch all die Sportfans unterkommen, die erst in letzter Minute anreisen, das weiß ich nicht. Wir haben neue Hotels in allen Kategorien gebaut. Wir haben Kreuzfahrtschiffe, die auch als Hotels genützt werden. Und wir haben Privatquartiere.

Das nächste große Problem ist das Dach des Olympiastadions. Das ist zwar künstlerisch wertvoll, wird aber unter großem Zeitdruck gebaut. Werden die Zuschauer ungeschützt der brennenden Sonne ausgeliefert sein?

Das Dach wird rechtzeitig fertig sein.

Sie stehen vor einer Flut von Problemen. Haben Sie es nicht manchmal heftig bereut, dass sich Athen um die Spiele beworben hat?

Nein. Man muss doch mal daran denken, wie wichtig die Spiele für Athens Entwicklung sind. Man muss doch auch mal sehen, dass die Unterkünfte im olympischen Dorf zu Sozialwohnungen umgebaut werden.

Die Olympiahallen stehen auf dem alten Flughafen, auf dem vor einiger Zeit Blindgänger entdeckt wurden. Dürfen wir davon ausgehen, dass jetzt keine Bombe mehr verborgen liegt?

Die sind weg, ganz sicher.

Die Testwettbewerbe im Rudern endeten mit einem Fiasko. Der Wind war so stark, dass Boote untergingen. Haben Sie nicht Angst, dass sich diese Probleme wiederholen könnten?

Wissen Sie, in Griechenland gab es zwölf Götter. Die saßen im Olymp. Mit denen konnte man Deals schließen. Ich weiß nicht, ob wir diese zwölf Götter darum bitten werden, dass wir mit dem Wetter keine Probleme bekommen. Der Wind, der damals herrschte, den gibt es normalerweise fünf Tage im Jahr.

Wer von Athen redet, denkt in erster Linie an Pannen, Probleme und drohende Katastrophen. Athen bewirbt sich ja auch um die Spiele, um im Anschluss an Olympia noch mehr Touristen in die Stadt zu locken. Das Negativimage könnte aber immer mehr Besucher von einem Trip in die Stadt abhalten.

Ich kann allen Touristen nichts anderes erzählen, als dass wir Erfolg haben werden. Und wir müssen diesen Erfolg haben. Wir müssen die Negativ-Schlagzeilen mit guten Olympischen Spielen beantworten. Anders geht es nicht. Mit Erzählen allein erreiche ich gar nichts.

Arbeiten die Griechen nur unter Druck sehr gut?

Ja, das ist so. Wir sind ein mediterran geprägtes Volk. Unter Druck arbeiten wir sehr gut.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

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