Sport : Vier Chancen

Erstmals seit Jahren erwartet niemand einen Sieg der deutschen Skispringer – das könnte ein Vorteil sein

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Ein deutscher Skispringer rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum, als Günther Jauch auf dem Podium im Kino Oberstdorf versuchte, das Positive an der sportlichen Lage zu betonen. „Das hat anderen auch Chancen gebracht“, hatte der RTL-Moderator gesagt, „ein Georg Späth, ein Alexander Herr waren noch nie so oft in unserem Studio wie im letzten Jahr.“ In diesem Moment fühlte sich Alexander Herr verpflichtet einzugreifen. „Ich war noch nie im RTL-Studio“, sagte der 26-Jährige, „ich habe vor dieser Saison nur drei Zeitungsinterviews gegeben, und ich habe noch eine Sponsorenfläche frei.“

Das sagt einiges über den Zustand des Skispringens in Deutschland. Wenn mit dem heutigen Springen unter Flutlicht (16.30 Uhr, live in RTL) auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf die 53. Vierschanzentournee beginnt, sucht der beste deutsche Springer nach einem weiteren Geldgeber. Alexander Herr, Zehnter im Weltcup, springt in dieser Saison so gut wie nie – aber längst nicht gut genug. Die Ansprüche an die deutschen Skispringer sind nach den Erfolgen der Vergangenheit hoch. Von Jens Weißflog über Dieter Thoma zu Martin Schmitt und Sven Hannawald – seit gut 15 Jahren konnte der Deutsche Skiverband vor einer Vierschanzentournee mindestens einen Springer aufbieten, der zumindest eine Chance auf den Tourneesieg hat. In diesem Jahr gibt es keinen. „Martin Schmitt ist nicht in Form“, gibt Bundestrainer Peter Rohwein zu. Man könnte das Krise nennen. Man darf es auch.

Trotzdem entbrannte über dieses Wort bei der Eröffnungspressekonferenz des Deutschen Skiverbandes eine längere Diskussion. Nachdem die Verantwortlichen von RTL das unheilvolle Wort länger detailreich abgewogen hatten, empörte sich der neue Bundestrainer. „Ich komme mir vor wie auf einer Beerdigung“, sagte Peter Rohwein, „diese Stimmung kann ich nicht nachempfinden.“ Er forderte, sein Team nicht immer so schlecht darzustellen. Immerhin qualifizierten sich gestern zwölf Deutsche für das heutige Springen. Trotzdem werde in der Öffentlichkeit lediglich über Hannawalds Erschöpfungssyndrom und Schmitts Formkrise gesprochen. „Wir sind in einer Lage, in der wir die Unterstützung der Journalisten brauchen“, sagte Rohwein. Er sprach sich dafür aus, die Ansprüche herunterzuschrauben. „Wir dürfen uns nicht mehr an dem messen, was schon einmal war.“

Rohwein macht das längst nicht mehr. Drei Springer unter den besten 15 in der Gesamtwertung der Tournee, das ist sein Ziel. Martin Schmitt schraubt seine Erwartungen noch weiter herunter. „Mein erstes Ziel ist es, mich für den zweiten Durchgang zu qualifizieren.“ In der gestrigen Qualifikation zeigte er mit einem Sprung auf 125 Meter aufsteigende Form.

Bereits im letzten Jahr sank wegen mäßiger Leistungen der deutschen Springer das Interesse an der Vierschanzentournee. Der Fernsehsender RTL verlor pro Springen nahezu zwei Millionen Zuschauer. „Natürlich ist es leichter, Siege von Sven Hannawald rüberzubringen, als die Plätze sechs, acht oder zehn“, sagte Günther Jauch, „alle sind in den letzten Jahren sehr verwöhnt gewesen, das war ein Glücksfall.“ Doch das Glück hat das deutsche Team verlassen. „Wir haben keinen Seriensieger“, sagt der Cheftrainer, „den haben nur die Finnen.“ Janne Ahonen hat in diesem Jahr sieben von acht Weltcupspringen gewonnen. Eine erstaunliche Konstanz in einer Sportart, die wie keine andere von äußeren Bedingungen abhängig ist. Der Finne ist damit der alleinige Favorit auf den Gesamtsieg. Vorjahressieger Sigurd Pettersen (Norwegen) scheiterte bereits in der gestrigen Qualifikation. Auch der überraschend starke Tscheche Jakub Janda oder der Norweger Roar Ljoekelsoey hoffen, das Auto zu gewinnen, das der Gesamtsieger erhält. Die Österreicher Martin Höllwarth, Thomas Morgenstern und Andreas Widhölzl rechnen sich ebenfalls eine Chance aus.

Das sonst so emotionsgeladene Prestigeduell zwischen den Deutschen und den Österreichern scheint diesmal allerdings bereits im Vorfeld entschieden zu sein. Das deutsche Team wird mit dem großen Rivalen in diesem Jahr nicht mithalten können. Oder doch? „Es hat noch keine Tournee gegeben, in der es keine Überraschungen gab“, sagt Günther Jauch. „In dieser Sportart können sich die Dinge ganz schnell ändern.“ Die Unberechenbarkeit als unveränderliches Gesetz des Skispringens, das kann der deutschen Mannschaft und RTL Hoffnung geben. Aber das ist auch schon alles.

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