Sport : Vier Jahre Fieber

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Vielleicht schaffen es die französischen Bäcker, zum ersten Frühstück nach dem Eröffnungsspiel Frankreich gegen Senegal blaue Croissants auf den Tisch zu bringen. Zuzutrauen wäre es ihnen, denn im Moment geht nichts über „Les Bleus“, die Fußball-Nationalmannschaft Frankreichs mit ihrem Superstar Zinedine Zidane. Dass sich dieser ausgerechnet fünf Tage vor der WM verletzt hat, verstärkte die Emotionen. Die Nachricht vom Sehnenriss in Zidanes Oberschenkel löste einen Schock aus, fast so schlimm wie der Sieg des rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen. Die Zeitung „Le Figaro“ fasste das Drama bündig zusammen: „Die Franzosen stehen rückhaltlos hinter ihrer Mannschaft, genauso rückhaltlos, wie sie den Aufstand gegen die Rechtsextremen organisierten. Keine Sehne reißt, ohne dass sie das ganze Land mit in den Abgrund reissen würde. Die Knie der Spieler sind unsere Knie, und wir achten mit Argusaugen auf jeden ihrer Knochen.“

Frankreich ist genau genommen seit 1998 im kollektiven WM-Fieber. Damals gewann Frankreich den Titel, und Millionen begeisterter Franzosen stürmten auf die Straßen. Entsprechend hoch ist in diesem Jahr jetzt der Erwartungsdruck. Kaum ein Ort, an dem die Spiele nicht übertragen werden. Manche Cafés stellen ihre Uhren sogar auf asiatische Zeit um, um das „Originalgefühl“ zu erzeugen und reichen Sushi oder Kimchi. Generös geben sich auch die Arbeitgeber: In vielen Firmen dürfen die Fans Frankreichs Spiele live verfolgen.

Der Glaube an das französische Fußballwunder war bis zu Zidanes Verletzung unerschütterlich. Stolz veröffentlichte „Le Parisien“ vor kurzem Zahlen auf der Titelseite: 68 Prozent der Franzosen seien sich des WM-Sieges sicher - daneben stand protzig der goldene WM-Pokal. Aber 44 Prozent glauben auch, die Spieler seien nach 200 Partien seit dem Titelgewinn zu wenig ausgeruht.

Der private TV-Sender TF 1 sicherte sich die exklusiven Live-Übertragungsrechte für die WM 2002 und 2006 für 168 Millionen Euro. Finanzexperten haben aber auch errechnet, dass TF 1 sehr schnell viel Geld verlieren könnte, falls die Franzosen das Halbfinale verpassten. Steht Frankreich aber im Finale, kostet ein Werbespot von 30 Sekunden 220 000 Euro.

Die Spieler werden regelrecht verehrt. „Ich bin kein Rockstar“, betont Zidane immer wieder. Als der Star - wegen der Geburt seines dritten Sohnes - nach seinem Team in Japan eintraf, war er auf den Titelseiten aller Zeitungen. Aus Angst vor Terroranschlägen wurde über dem Trainings-Quartier der Franzosen in Ibusuki sogar der Luftraum gesperrt, über den Straßen der Stadt wehten Begrüßungsbanderolen. „Allez les Bleus“ – sogar auf Japanisch. Sabine Heimgärtner

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