Sport : Vier Springer, zwei Stars

Bei der Vierschanzentournee ist die kleinste Mannschaft die erfolgreichste: die Schweiz

Benedikt Voigt

Garmisch-Partenkirchen – Andreas Küttel bekam seinen Sieg nicht mit. Der Schweizer Skispringer saß in seinem Container am Fuße der Olympiaschanze, seine Ohren verbarg er unter zwei Kopfhörern. Er hörte die amerikanische Hip-Hop-Band „The Roots“ und konzentrierte sich auf den zweiten Durchgang des Neujahrsspringens. Plötzlich fiel ihm ein Schweizer Betreuer jubelnd um den Hals. „Da habe ich gemerkt, dass ich gewonnen habe“, sagt der 28-Jährige.

Es war schon kurios, wie Andreas Küttel zu seinem ersten Weltcupsieg in dieser Saison gekommen ist. Wegen des schlechten Wetters hat ihm dazu ein einziger Sprung auf 125,5 Meter genügt, der zweite Durchgang ist abgesagt worden. Er gilt nun neben dem 16-jährigen Österreicher Gregor Schlierenzauer als Favorit auf den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. Ein Prädikat, das eigentlich auch noch für seinen Teamkollegen Simon Ammann gilt, allerdings ist dieser in Garmisch-Partenkirchen in der Gesamtwertung auf Rang sechs zurückgefallen. „Ich hoffe, dass er noch von hinten kommt“, sagt der Schweizer Cheftrainer Berni Schödler, „wir haben zwei Rennpferde im Team.“

Das Schweizer Team besteht nur aus vier Athleten. Damit zählt es zu den kleinsten im Weltcup – und trotzdem zu den erfolgreichsten. Andreas Küttel und Simon Ammann haben somit jetzt in dieser Saison je ein Weltcupspringen gewonnen. „Wir haben einen guten Drive“, sagt Berni Schödler. Das Schweizer Skispringen besteht noch aus dem 21-jährigen Guido Landert – und einem Deutschen. Der Schwarzwälder Michael Möllinger ist vor dreieinhalb Jahren in die Schweiz gewechselt, nachdem er sich mit dem Deutschen Skiverband überworfen hatte. Weitere aussichtsreiche Springer? „Haben wir nicht“, sagt Berni Schödler, „bei den 13- und 14-Jährigen kommen ein paar gute Springer nach.“

Das Schweizer Skispringen ist erst am 10. Februar 2002 wieder zum Leben erweckt worden. Als Simon Ammann sensationell Olympiasieger auf der Normalschanze wurde und dann auch noch auf der Großschanze siegte. „Das hat einen Boom ausgelöst“, sagt Schödler. Mehr Kinder begannen mit dem Skispringen, der Schweizer Skiverband zweigte mehr Geld von den Alpinen ab, steckte es in den Nordischen Skisport. So konnte vor zwei Jahren in Einsiedeln eine Schanze eingeweiht werden, auf der im ganzen Jahr trainiert werden kann. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt Andreas Küttel.

Er ist lange der Weltspitze hinterhergesprungen, erst in der letzten Saison feierte er seinen Durchbruch. Die Saison beendete Küttel auf Rang drei im Gesamtweltcup. „Das Skispringen ist mein Leben“, sagt er, „darin investiere ich alles.“ Nun hat er nach Walter Steiner als zweiter Schweizer ein Springen bei der Vierschanzentournee gewonnen. Er wäre der erste Schweizer, der die Vierschanzentournee gewinnt. Im Gesamtklassement fehlen ihm nur noch drei Punkte auf Schlierenzauer. „Nach Innsbruck werden wir sehen, ob ich um den Gesamtsieg mitspringen kann“, sagt Küttel. Er sieht seinen Kontrahenten beim dritten Springen der Vierschanzentournee am 4. Januar im Vorteil. „Das ist seine Heimschanze in Innsbruck, er wird dort nicht schlecht springen“, sagt Küttel, „wenn er seine besten Sprünge zeigt, springt er weiter als ich, das muss ich zugeben.“ Andererseits liegt dem diplomierten Sportlehrer die vierte Station. „Mit Bischofshofen verbinde ich einige Emotionen“, sagt Küttel, „dort habe ich im Sommer 2005 meinen ersten Weltcupsieg gefeiert.“

Fröhlich blickte er vom Podium in Garmisch-Partenkirchen. Ob die Entscheidung, den zweiten Durchgang abzusagen, richtig war, wurde er gefragt. Küttel sagte mit einem Grinsen: „Natürlich war sie richtig.“ „The Roots“ kann er ja später zu Ende hören.

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