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Viersatz-Niederlage gegen Milos Raonic : Tommy Haas scheidet in Wimbledon aus

Zwei Sätze lang hat Tommy Haas gegen Milos Raonic nicht den Hauch einer Chance. Doch dann steigert sich der Altmeister und bringt den Favoriten noch gehörig in Bedrängnis.

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Zum Schreien. Tommy Haas fand gegen Raonic anfangs überhaupt nicht ins Spiel.
Zum Schreien. Tommy Haas fand gegen Raonic anfangs überhaupt nicht ins Spiel.Foto: Reuters

Wimbledon meinte es noch einmal gut mit ihm. Tommy Haas durfte seine Zweitrundenpartie auf Court No. 1 spielen, dem zweitgrößten Platz im All England Club. Noch einmal die große Bühne für den 37-jährigen gebürtigen Hamburger, obwohl die prominente Ansetzung wohl mehr seinem Gegner, dem Weltranglistenachten Milos Raonic, gegolten hatte. Doch nach all dem Pech und den verpassten Gelegenheiten für Haas seit seinem ersten Auftritt 1997 in London dürfte ihn dieses vermeintliche Ende mit Wimbledon versöhnt haben. Es gab viel Applaus von den Rängen für den Deutschen, als er in der drückenden Mittagshitze den Rasen betrat. Doch der schlug schnell in mitleidiges Raunen um, als die Zuschauer merkten, dass Haas nur mit stumpfen Waffen kämpfen konnte. Als ältester Spieler seit Jimmy Connors im Jahr 1991 hatte er mit 37 Jahren und 100 Tagen eine Runde in Wimbledon gewonnen. Für einen weiteren Rekord reichte es jedoch nicht mehr, obwohl sich Haas in dieses Match verbiss. Der Satzgewinn war ein enormer Achtungserfolg für seinen Kampfgeist. Dennoch unterlag er Raonic mit 0:6, 2:6, 7:6 und 6:7.

Es war ein Aus mit Ansage. Doch wer mochte es Haas verdenken, dass er es probieren wollte, obwohl er genau wusste, wie gering seine Chance auf Erfolg sein würde. „Ich hatte überlegt, ob ich überhaupt anreisen sollte“, hatte Haas erklärt, der erst vor vier Wochen in Stuttgart nach einjähriger Verletzungspause auf die Tour zurückgekehrt war, „aber es ist Wimbledon. Da musste ich einfach spielen.“ Zum vierten Mal war seine Schulter im letzten Sommer operiert worden, und bisher verfügt sie nicht über die Kraft von früher. Vielleicht wird sie das nie mehr, das weiß Haas selber nicht. So aber sind seine Aufschläge derzeit kein Druckmittel für den Gegner, schon gar nicht für einen des Kalibers von Raonic. Haas servierte mit höchstens 175 Stundenkilometern, selbst der zweite Aufschlag von Raonic war da schneller. Der Kanadier zählt zu den Aufschlagriesen der Tour, er donnerte Haas 27 Asse entgegen. Und die ungewöhnlich heißen Temperaturen von 33 Grad im Südwesten Londons machten den Rasen zudem noch schneller. Der erste Satz war rasant an Haas vorbeigerauscht, nur sechs Punkte überließ ihm Raonic. Doch selbst ohne Vollbesitz seiner Kräfte hat der Oldie seinen Spielwitz und sein Talent nicht eingebüßt – und seine Leidenschaft für den Wettkampf.

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Mancher hatte vielleicht vermutet, Haas würde nach der Ohrfeige zum Auftakt seine Sachen packen und diese ungleiche Partie lieber aufgeben. Im Gegenteil, er biss und holte sich das erste Spiel im zweiten Satz. Der tosende Applaus der Zuschauer stachelte Haas noch mehr an, doch erst kurz vor dem vermeintlichen Aus bot sich ein Hoffnungsschimmer: drei Satzbälle im dritten Durchgang. Raonic antwortete trocken mit zwei Assen und einem Servicewinner. Haas ließ nicht nach, spielte einen furiosen Tiebreak: der sechste Satzball saß und Court No. 1 stand Kopf. Zu gerne hätten die Briten die kleine Sensation miterlebt, doch da war eben die Schulter. Und ein Jahr ohne Wettkampf. Dennoch bot Haas Raonic bis zum Ende Paroli, doch ob es ihm gelingt, in den Zirkel der weltbesten Spieler zurückzukehren, ist zu bezweifeln. Haas wünscht es sich, wie er sich auch nach einem Abgang vom Profitennis sehnt, den er selbst bestimmt und nicht sein Körper. Haas braucht Geduld, doch das war nie seine Stärke. „Es ist schwer für mich, weil ich weiß, wie ich eigentlich spielen könnte“, sagte er. Bis zum Saisonende will Haas in jedem Fall weitermachen, das so genannte „Protected Ranking“ garantiert ihm dabei auch als Nummer 848 der Weltrangliste weiterhin den Zugang zu allen Turnieren. Und die stehenden Ovationen in Wimbledon waren dafür wohl Beleg genug.

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