Vierschanzentournee : Bei Kamil Stoch ist Schluss mit der Verbissenheit

Kamil Stoch hat beste Chancen auf den Gesamtsieg der Tournee. Der Pole verdankt seinen Aufschwung dem neuen Nationalcoach.

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Nur Siegen ist noch schöner als Fliegen. Kamil Stoch hat bisher alle großen Titel gewonnen - bis auf den bei der Vierschanzentournee.
Nur Siegen ist noch schöner als Fliegen. Kamil Stoch hat bisher alle großen Titel gewonnen - bis auf den bei der...Foto: dpa

Vor Lob und Anerkennung kann sich Kamil Stoch derzeit kaum retten. Selbst die Konkurrenz schwärmt. „Er verfügt über die beste Grundtechnik von allen“, sagt Österreichs Nationaltrainer Heinz Kuttin. Stoch hat derzeit auch die beste Laune von allen. Wo immer der Pole in diesen Tagen rund um die Schanzen der Tournee auftaucht, winkt er froh ins Publikum, lächelt die anderen Skispringer an oder hält einen freundlichen Plausch mit ihnen. Er schwebt nahezu auf einer Wolke der Glückseligkeit – und das hat mehrere Gründe. Der erste ist, dass Stoch vor dem dritten Springen der Vierschanzentournee an diesem Mittwoch auf der Bergisel-Schanze in Innsbruck (14 Uhr/ARD und Eurosport) die Gesamtwertung der traditionsreichen Serie anführt.

In Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen wurde er jeweils Zweiter, und so ist er dem letzten großen Titel, der ihm in seiner Karriere noch fehlt, so nah wie noch nie. Stoch ist zweimaliger Olympiasieger von Sotschi 2014, er war Weltmeister und gewann den Gesamtweltcup. Aber die Vierschanzentournee konnte er bisher noch nie gewinnen. Diese Aussicht verleiht ihm natürlich große Zufriedenheit. Doch der 29-Jährige grinst auch deshalb so oft, weil er nun überhaupt wieder vorne mitspringt.

Denn in den vergangenen zwei Jahren wurde Stoch immer verzweifelter. Er konnte einfach nicht mehr an seine grandiosen Erfolge anknüpfen. In der Vorsaison wurde er gar nur 22. des Gesamtweltcups. Für einen, der an sich selbst immer die höchsten Ansprüche stellt und in seinem Heimatland den Status eines Superstars innehat, waren diese Leistungen und Ergebnisse absolut inakzeptabel. Er verlor komplett das Vertrauen in seine Fähigkeiten.

Hinter Stoch liegen zwei komplizierte Jahre

Aber in diesem Winter ist die Zeit der Enttäuschungen für Stoch vorbei. Und das liegt aus seiner Sicht allein an Stefan Horngacher. Der ruhige Österreicher wurde im Frühjahr neuer Nationaltrainer der polnischen Skispringer. Zuvor hatte Horngacher beim Deutschen Ski-Verband (DSV) zunächst als Nachwuchscoach und dann fünf Jahre als Assistent des Bundestrainers Werner Schuster gearbeitet. Horngacher setzte im polnischen Team an vielen Punkten an. Überall entdeckte er Verbesserungspotenzial: bei der Technik, dem Material sowie den Abläufen im Training und vor den Wettkämpfen. „Für die Jungs war es ein großer Einschnitt“, sagt er. Weil der 47-Jährige die meisten Athleten noch aus seiner Zeit als Trainer des B-Kaders der Polen von 2004 bis 2006 kannte, fanden seine Anregungen sofort Gehör.

„Stefan hat viele Dinge verändert“, sagt Stoch begeistert. Er beschreibt Horngacher als einen echten Anführer, dem die gesamte Mannschaft folge, weil er ihren Blick auf das Skispringen komplett neu ausgerichtet habe. Mit Stoch arbeitete Horngacher etwa vor allem an dessen Anfahrtsposition auf der Schanze. Dadurch hat er nun deutlich mehr Geschwindigkeit im Anlauf. „Und das gibt mir mehr Selbstvertrauen“, sagt Stoch. Zusätzlich versuchte Horngacher, Stochs immense Strebsamkeit zu zügeln. „Kamil ist extrem ehrgeizig. Er grübelt schon, wenn er Zweiter wird. Mit diesem Ehrgeiz hat er ab und zu Probleme“, sagt Horngacher. Ihm gelang es, Stochs manchmal verbissene Herangehensweise in neue Bahnen zu lenken. „Stefan hat mir beigebracht, nicht darüber nachzudenken, was ich nicht geschafft habe, sondern das zu genießen, was ich erreicht habe“, betont Stoch. Überhaupt habe der Trainer nicht nur seine Mentalität verändert, sondern die der gesamten Mannschaft. „Jeder ist sich nun seiner Stärken mehr bewusst“, sagt er.

"Die Polen sind in einer echten Euphorie"

Schließlich profitiert nicht nur Stoch von Horngacher. Piotr Zyla ist derzeit Fünfter in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee. Und Maciej Kot, der schon den Sommer-Grand-Prix gewann, liegt in der Tournee-Wertung auf Rang acht und im Gesamtweltcup auf Platz sechs. Außerdem triumphierte die polnische Mannschaft beim bisher einzigen Teamspringen der Saison Anfang Dezember in Klingenthal.

Dass Horngacher in Polen erfolgreich sein würde, ist für seine ehemaligen Kollegen in Deutschland keine Überraschung. „Stefan Horngacher ist ein echter Allrounder. Er kann am Material tüfteln, er kann eigentlich alles. Und seine Springer, die schon als Junioren bei ihm trainiert haben, himmeln ihn an“, sagt Bundestrainer Schuster. Und Horst Hüttel, DSV-Sportdirektor für Skispringen und Nordische Kombination, betont: „Ich hatte vermutet, dass in Polen ein Schub kommt. Stefan Horngacher hat einige Akzente gesetzt. Die Polen sind in einer echten Euphorie.“

Diese Hochstimmung im polnischen Team lebt eben Stoch vor. Er schwärmt davon, wie viele besondere Momente ihm diese Tournee schon jetzt beschert habe. Und wenn er nach dem noch fehlenden Gesamtsieg gefragt wird, lächelt Stoch freundlich und entgegnet nur: „Ich bin aber nicht der alleinige Favorit. Ich muss auch nicht immer der Beste sein, es reicht mir, einer der Besten zu sein.“ Das klingt sehr demütig. Doch Kamil Stochs Konkurrenten wissen, er will sie selbstverständlich besiegen.

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