Sport : Vierschanzentournee: Der Dachdecker fliegt allen davon

Ein polnischer Dachdecker ist der neue Star der Skispringer-Szene. Adam Malysz distanzierte auch am Samstag die Konkurrenz deutlich und gewann mit dem Sieg in Bischofshofen als erster Pole überhaupt mit riesigem Vorsprung die Vierschanzentournee. Vor 30 000 Zuschauern an der Paul-Ausserleitner-Schanze sprang der 23-Jährige Tagesbestweiten von 127 und 134 m und lag damit vor dem Finnen Janne Ahonen und dem Vorjahressieger Andreas Widhölzl (Österreich). Martin Schmitt (Furtwangen) wurde Vierter und belegte in der Gesamtwertung hinter Malysz und Ahonen Rang drei. "Der Vorsprung ist sensationell. Er springt in seiner eigenen Klasse", sagte Weltcup-Spitzenreiter Schmitt über den überlegenen Sieger.

Malysz gewann nicht nur einen Sportwagen im Wert von 100 000 Mark, sondern sorgte auch für den größten Erfolg eines polnischen Skispringers seit dem Sieg von Wojciech Fortuna bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo. Zudem knackte er gleich zwei Rekorde der 49-jährigen Tournee-Historie: Als erster Athlet kam er mit 1045,9 Punkten über die 1000-Punkte-Grenze und hatte einen Rekord-Vorsprung auf den Tournee-Zweiten. "Ich möchte mich bei allen bedanken, dass ich das erleben durfte. Ich habe nicht damit gerechnet, die Tournee gewinnen zu können", meinte Malysz strahlend.

"Es ist nicht nur der Athlet, sondern auch der Ski, der ihn davonfliegen lässt. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche", sagte Bundestrainer Reinhard Heß staunend über die Dominanz des Polen. "Wir müssen da etwas mit dem Material versuchen, und das haben wir auch vor", kündigte der Thüringer an. "Malysz ist außerirdisch. Wir müssen versuchen, seine Geheimnisse herauszufinden. Schließlich wollen wir bei Weltcup und Weltmeisterschaft angreifen", kommentierte Heß.

Bei nahezu Windstille und Bedingungen, "bei denen ein Hauch von hinten und vorn viel bewirken kann", wie es Bundestrainer Reinhard Heß formulierte, verlängerte die Jury nach dem ersten und im zweiten Durchgang den Anlauf um insgesamt fünf Luken, da zu geringe Weiten zu Stande kamen. "Die Spur ist durch die hohen Temperaturen merklich langsamer geworden. Wir wollen den Athleten die Möglichkeit geben, die Schanze auszuspringen", sagte der Sprungdirektor des Internationalen Ski-Verbandes (FIS), Walter Hofer.

Die Entscheidung in der Gesamtwertung war praktisch bereits nach dem ersten Durchgang gefallen, als der bisherige Gesamt-Zweite Noriaki Kasai (Japan) mit gerade einmal 75 m alle Chancen vergab und ausschied. "Es ist wie ein Virus hier. Das ist mindestens zwei Jahre her, dass ich hier so schlecht gesprungen bin", meinte derSkiflug-Weltmeister von 1992 verärgert. Ebenfalls nicht zufrieden war Martin Schmitt mit seinem ersten Sprung: "Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Ich habe momentan auch nicht ein optimales Gefühl beim Absprung", sagte der Weltmeister, der am Ende aber doch noch ein versöhnliches Fazit zog. "Der dritte Platz hat mich versöhnt. Das war wichtig. Bei der nächsten Tournee will ich wieder voll angreifen."

Im Probedurchgang am Mittag hatte Sven Hannawald aus Hinterzarten mit 133,5 m den weitesten Sprung gestanden, im Wettkampf lief es dann jedoch nicht mehr so gut. "Ich wollte einfach zu viel. Mit Gewalt geht es eben nicht", meinte ein verärgerter Hannawald. Dennoch belegte der Skiflug-Weltmeister in der Addition aller vier Springen mit 885,3 Punkten den vierten Platz und konnte schon wieder lächelnd sagen: "Ein wenig feiern werden wir schon." Immerhin: Hannawald behielt seinen Schanzenrekord in Bischofshofen (137 Meter).

Derweil stand Malysz im Blickpunkt des Geschehens. Der dachte schon an die nahe Zukunft: "Die Begrüßung in Polen wird sicher großartig. Es freut mich, dass ich es meinem Idol Jens Weißflog nachgemacht habe", erklärte Malysz. Besonders freute sich der gelernte Dachdecker über die 100 000 Mark teure Nobelkarosse. Der ideale Preis für den Mann, der Weißflog täuschend ähnlich sieht: Im Sommer hatte er sein Auto verkauft.

Das deutsche Abschneiden war abgesehen vom Auftaktsieg Schmitts in Oberstdorf eine Enttäuschung. Von der von Heß ausgegebenen Devise "einen aufs Treppchen und vier unter die Top 15" zu bringen, war das deutsche Team weit entfernt. "Ganz klar, wir haben enttäuscht. Regelrecht zerbrochen sind Michael Uhrmann und Frank Löffler. Sie haben geglaubt, dass sie schon viel weiter sind. Aber wir waren schon einmal Suppenhühner und sind dann wieder zu Adlern aufgestiegen", analysierte Heß mit bitterer Miene.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben