Sport : Vierschanzentournee: Der Sprung ins Wohnmobil

Benedikt Voigt

Es war im vergangenen Jahr nicht schwer, in Oberstdorf das Hotel zu finden, in dem Martin Schmitt die Nächte verbrachte. Als ob Michael Jackson im Allgäu eingetroffen sei, harrten einige Dutzend Fans vor der betreffenden Herberge aus, um den besten deutschen Skispringer einmal nicht nur im Fernsehen zu sehen. Spätestens beim Frühstück war das dann der Fall, weshalb Martin Schmitt von den stürmischen Autogrammjägern derart bedrängt wurde, dass an Orangensaft und Butterbrezel nicht mehr zu denken war. Die deutschen Skispringer beendeten die Nahrungsaufnahme vorzeitig.

In diesem Jahr soll sich das ändern. Wenn heute in Oberstdorf die Qualifikation für das morgige erste Springen der 49. Vierschanzentournee stattfindet, werden die deutschen Skispringer nicht mehr so leicht zu finden sein. "Alles wird abgeschottet, was Martin am Siegen hindern kann", sagt Bundestrainer Reinhard Heß. Das Hotel der deutschen Springer liegt nun erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr in Oberstdorf, sondern in der Umgebung. Ein Bodyguard schützt Schmitt während der gesamten Tournee vor aufdringlichen Fans und Journalisten, und am Fuße der jeweiligen Schanze steht ein Wohnmobil bereit, um Deutschlands Sportler des Jahres 1999 zwischen den Sprüngen eine Möglichkeit zum Rückzug zu bieten. "Martin Schmitt hat den Massenansturm in der vergangenen Saison ganz klar nicht verkraftet", sagt Heß.

In den letzten zwei Jahren gewann Schmitt jeweils den Gesamtweltcup, bei der Tournee aber musste er dem Finnen Janne Ahonen und dem Österreicher Andreas Widhölzl gratulieren. Auch das soll sich in diesem Jahr ändern. "Martin Schmitt springt als Mann mit dem gelben Leibchen ganz klar um den Tourneesieg mit", sagt Heß, "wenn Sven Hannawald fit anreist, ist er in Sachen Gesamtsieg auch für eine Überraschung gut." Schmitt war es, der das letzte Springen in Kuopio (Finnland) am 4. Dezember gewonnen hatte. Danach fielen alle weiteren Veranstaltungen der Skispringer dem milden Wetter zum Opfer. Das sei kein Nachteil, findet der Bundestrainer. "Martin weiß, dass er vorher der Beste war, hat Selbstvertrauen und relative Ruhe zur Vorbereitung gehabt."

Ruhe ist nach dem Trubel des vergangenen Jahres zu einem der meistbenutzten Wörter im Wortschatz von Heß aufgestiegen. Das ist die negative Seite des Popularitätsschubes, der den Skispringern neben einem Fernsehvertrag mit RTL zu einer Aufstockung der Preisgelder verhalf. Bei jedem Springen der Vierschanzentournee werden insgesamt 100 000 Mark Preisgelder verteilt. Der Tournee-Gesamtsieger bekommt eine feine Karossse. Neben den Vorjahressieger Ahonen und Widhölzl ist Schmitt der aussichtsreichste Anwärter auf dieses Auto.

"Ich habe gelernt, mit diesem Druck zu leben", sagt Schmitt. Am ersten Weihnachtsfeiertag begann der 22-Jährige mit der Vorbereitung auf das Springen in Oberstdorf, das er in den letzten beiden Jahren gewinnen konnte. "Ich weiß, dass ich gut trainiert habe und über perfektes Material verfüge", sagt Schmitt, "ich will technisch saubere Sprünge zeigen." Wenn dann jemand besser sei, könne er damit leben. Abgesehen von Schmitt und Hannawald könnten auch Michael Uhrmann und Frank Löffler für eine positive Überraschung sorgen.

Zu den größten Konkurrenten der Deutschen zählen die Finnen. Unlängst kam sogar die Meldung, dass Matti Hautamäki in Kuusamo mit 146 Metern den weitesten jemals in Finnland gestandenen Sprung absolviert habe. "Da muss ich widersprechen", sagt Heß, "Michael Uhrmann ist bei unserem Training in Kuusamo zwei Meter weiter gesprungen." Der Wettkampf hat begonnen.

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