Vierschanzentournee : Der Wind gewinnt das Neujahrsspringen

Der Schweizer Simon Ammann siegt unter irregulären Bedingungen beim Neujahrsspringen, der Wettbewerb musste nach dem ersten Durchgang abgebrochen werden.

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Der Schweizer Simon Ammann hat das Neujahrsspringen der Vierschanzentournee gewonnen.
Der Schweizer Simon Ammann hat das Neujahrsspringen der Vierschanzentournee gewonnen.Foto: AFP

Am schlimmsten erwischte es Andreas Kofler. Kurz nach dem Absprung brachte ihn beim Neujahrsspringen in Garmisch- Partenkirchen eine Windböe von mindestens vier Metern pro Sekunde völlig aus dem Gleichgewicht. Kofler kämpfte verzweifelt mit den Folgen. Hin und her schwankte der Österreicher, wie ein mächtiges Flugzeug, das inmitten eines Unwetters einen Landeanflug versucht. Mühsam ruderte Kofler mit den Armen, um einen Absturz zu verhindern. Kurz vor dem Aufkommen wirkte es, als stürze er mit dem Oberkörper tatsächlich auf den Hang, doch mit Glück und Routine konnte er irgendwie landen. Einen unerfahreneren Springer als den 26-Jährigen, der im vergangenen Jahr die Vierschanzentournee gewonnen hat, möchte man sich in dieser Situation lieber nicht vorstellen.

„Ich bin froh, dass ich heil unten bin“, sagte auch Thomas Morgenstern nach einem unsinnigen und unfairen Neujahrsspringen. Der Wind blies nach kurzer Zeit derart gefährlich in den Hang an der Olympiaschanze am Gudiberg, dass das Springen erst für 45 Minuten unterbrochen und dann nach dem ersten Durchgang abgebrochen werden musste. Ein zweiter Durchgang wäre wegen der einsetzenden Dunkelheit auch nicht mehr möglich gewesen.

Die übrigen Springer wurden von unterschiedlichen Windbedingungen zum Teil völlig aus dem Konzept gebracht, das Ergebnis bestimmte vor allem der Wind – nicht das Können. „Eine Farce“, sagte der ehemalige Springer Dieter Thoma, „das hasse ich so an unserer Sportart, dass wir so von den Verhältnissen abhängig sind.“ Zwar hat der Verband vor der Saison eine neue Windregel eingeführt, die die Vor- und Nachteile der Windbedingungen mit einer Formel ins Ergebnis mit einbringt. Doch auch sie konnte das Ergebnis von Garmisch-Partenkirchen nur unwesentlich gerechter gestalten.

Sieger der Windlotterie war der Schweizer Simon Ammann, der mit 131 Metern nur die achtbeste Weite sprang, aber durch den verkürzten Anlauf und die Windregel zusätzliche Punkte erhielt. Er wollte seinen Sieg allerdings seinem Können zuschreiben. „Der Wettbewerb hat ganz schön lange gedauert, das war die Situation, die ich gebraucht habe“, sagte der Doppelolympiasieger. „Ich weiß, dass man die Dinge in so einer Situation beieinanderhalten muss, das habe ich geschafft.“ Der Russe Pawel Karelin und der Pole Adam Malysz kamen auf die Plätze zwei und drei. Der Österreicher Thomas Morgenstern ließ sich vom Wind beeindrucken, flog nur auf Rang 14, führt in der Gesamtwertung aber weiterhin vor Ammann und dem Finnen Matti Hautamaeki.

Die deutschen Springer boten eine erfreuliche Leistung – wenn man das Ergebnis ernst nehmen will. Martin Schmitt wurde Siebter, Stephan Hocke folgte auf Rang 13, Michael Uhrmann, Pascal Bodmer und Michael Neumayer landeten auf 15, 16 und 18. Die Deutschen haben damit zwei Springer mehr unter die besten 20 gebracht als die erfolgsverwöhnten Österreicher, deren bester Springer Martin Koch Zehnter war. Das sagt eigentlich alles über dieses Springen.

Spätestens nach Andreas Koflers gefährlichem Flug orientierte sich der österreichische Cheftrainer zu Rennleiter Walter Hofer und versuchte ihn offenbar zum Abbruch des irregulären Springens zu bewegen. „Ich kann verstehen, wenn die Trainer verärgert sind“, sagte Hofer. „Die Springer mussten unter sehr, sehr schwierigen Verhältnissen ihre Leistung bringen, aber das ist nun mal ein Zeichen, dass wir eine Freiluftsportart sind, in der es nicht immer wunschgemäß läuft.“

Man kann nur spekulieren, ob der Rennleiter den Wettbewerb unter anderen Umständen abgebrochen hätte. Das Neujahrsspringen ist eines der wichtigsten Springen der Saison, mit Millionen Zuschauern an den Fernsehgeräten. Hinzu kommt der Termindruck der Tournee. Walter Hofer jedenfalls schien eine Hauptmotivation der Jury wiederzugeben, als er sagte: „Wir konnten einen Durchgang realisieren und können eine Siegerehrung machen.“ Bei dieser fehlte Andreas Kofler, obwohl ihm sein Landsmann Martin Koch eine „sensationelle Leistung“ bescheinigte, weil er seinen Flug durch die Windböe unbeschadet überstanden hatte. Die Ergebnisliste drückt das nicht aus, im Gegenteil. Sie meldet: Andreas Kofler, 50. und letzter Platz.

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