Sport : Vierschanzentournee: Die Ruhe nach dem Sprung

Benedikt Voigt

Als Reinhard Hess in der Hermann-Wielandner-Hauptschule zur Pressekonferenz eintraf, bekam er erst einmal schlechte Laune. Der Skisprung-Bundestrainer musste sich in einer Ecke vor den Augen der Journalisten umziehen und stritt sich im Anschluss dann mit dem Pressereferenten des Deutschen Skiverbandes wegen der Interviewwünsche eines Fernsehsenders. Immer wieder fuhr sich der 56-Jährige mit der Hand über das Gesicht, in dem die Strapazen der vergangenen neun Tage Spuren hinterlassen hatten. "Ich rutsche zwar nicht die Anlaufspur hinunter, aber geistig springe ich immer mit", erklärte Hess. Am Abend seines größten Trainererfolges sagte er erschöpft: "Ich möchte jetzt eine Dusche und an etwas anderes denken als an Skispringen." Allerdings dürfte ihm das nur kurz gelingen.

Schon zwei Stunden nach Sven Hannawalds sporthistorischem Triumph bei der Vierschanzentournee beschäftigte sich der Bundestrainer mit dem nächsten großen Ziel: Die Olympischen Spiele in Salt Lake City vom 8. bis 24. Februar. "Am kommenden Wochenende beginnt die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele", sagte Hess. Hannawald gilt nach seinen vier Siegen bei der Vierschanzentournee - ein Erfolg, der zuvor noch keinem Skispringer gelungen ist - als Favorit für Salt Lake City. "Ich werde erst in nächster Zeit registrieren, was ich geschafft habe", sagte Hannawald. Seit 1984 (Jens Weißflog) hat der Sieger der Vierschanzentournee anschließend bei den Olympischen Spielen mindestens eine Goldmedaille im Einzelspringen gewonnen. Hess hat für Salt Lake City zwei Medaillen als Ziel gesetzt: Eine aus den beiden Einzelspringen, eine aus den beiden Mannschaftsspringen. Das sollte zu schaffen sein, zumal Deutschland die Weltcup-Mannschaftswertung anführt und neben Sven Hannawald auch noch Martin Schmitt ein Medaillenkandidat ist. "Er hat das Potenzial zurückzukommen", sagte der Bundestrainer. Doch er warnte auch: "Skispringen ist in der Breite qualitativ besser geworden." Um so höher ist Hannawalds einmalige Siegesserie bei der Vierschanzentournee zu bewerten.

"Das war die schönste Tournee, die ich je erlebt habe", schwärmte Hess, "ich habe noch nie ein solches Fluidum erlebt." Und das hätte nicht nur an den Segelflügen des Sven Hannawald gelegen. "Es war eine Mannschaft zu sehen." Eine gute Mannschaft - was gibt es Schöneres für einen Trainer? Neben dem Tourneesieger platzierten sich in der Gesamtwertung auch Martin Schmitt (7.), Stephan Hocke (10.) und Georg Späth (15.) unter den ersten 15 Springern. Diesem Quartett stehen auch schon vier der fünf deutschen Startplätze für Salt Lake City zu. Um den letzten Platz streiten sich noch Michael Uhrmann und Christoph Duffner, die beide die Olympia-Norm zum Teil erfüllt haben. "Alexander Herr möchte ich auch noch nicht ausklammern", sagte Hess, "das wird nach dem Wettbewerb in Zakopane entschieden."

Ohne Unterbrechung geht es nun nach dem ersten Saisonhöhepunkt weiter. Auch für Hannawald, der zuletzt nicht mehr schlafen konnte und über Erschöpfung klagte. Nach dem abschließenden Erfolg am Dreikönigstag in Bischofshofen beschrieb er seinen körperlichen Zustand wie folgt: "Extrem katastrophal, heute hat es mir fast das Dach weggezogen." Das sei auch der Nachteil an Hannawalds einmaliger Leistung, findet der Bundestrainer: "Athletisch hat die Tournee Verluste gebracht."

Trotzdem will er seinen neuen Helden dem Volk beim Springen am kommenden Wochenende in Willingen nicht vorenthalten. "Das wäre Selbstmord." Und auch in der darauffolgenden Woche, wenn das Springen in Polen ansteht, der Heimat des Weltcupführenden Adam Malysz, sieht der Bundestrainer keine Chance auf eine Ruhepause für Hannawald. "Wir müssen Zakopane die Ehre erweisen, erst dann kommt die Zeit, einen Klasseathleten vorzubereiten." An die Journalisten appellierte er jedoch, seinen Schützling in Ruhe zu lassen. "Sie können ruhig rufen, wir werden ihn nicht aus dem Zimmer lassen", sagte Hess. Und: "Er braucht vier Tage, um sich zu regenerieren." Das Programm der nächsten Tage kennt Hannawald, der als Hausmann alleine lebt, bereits aus den vergangenen Jahren: "Heimfahren, auspacken, waschen, einpacken, weiterfahren - und schlafen, während die Wäsche trocknet."

Die Strapazen seines Schützlings und der größte Erfolg auch in seiner eigenen Trainer-Laufbahn hatten Reinhard Hess auf dem Podium der Hermann-Wielandner-Hauptschule am Ende wieder milde gestimmt. "Ich ziehe den Hut vor Sven, das ist ein Novum, das wir erst in den nächsten Jahren begreifen werden", sagte er. Er vergaß auch nicht darauf hinzuweisen, dass sein eigener Zustand nicht ganz so schlimm ist, wie es den Anschein hatte. "Meine Haare sind nicht ergraut - sie sind gefärbt."

3B will die Weichen fürs EC-Finale stellen

Berlin (dpa/bb) - Die Tischtennis-Frauen von 3B Berlin wollen im ersten Spiel des neuen Jahres die Weichen für den bislang größten Erfolg der Vereinsgeschichte stellen. Im Hinspiel des Halbfinales im Nancy Evans-Cup der ETTU (vergleichbar dem UEFA-Pokal im Fußball) müssen die Berlinerinnen am Sonntag (17.00 Uhr) beim kroatischen Vertreter Stolnotenniski Duga Resa antreten. Das Rückspiel findet am 18. Januar in Berlin statt.

Duga Resa, 50 km entfernt von Zagreb gelegen, hatte im Viertelfinale überraschend auswärts den Bundesligisten Team Heidifoto Coesfeld mit 3:2 ausgeschaltet. Stärkste Spielerin beim Berliner Rivalen ist die chinesische Nummer 1 Cai Shan Shan. Die auf Position 2 gesetzte Rumänin Cornelia Vajda (18 Jahre), die kurz vor der Einbürgerung steht, gilt als starke Angriffsspielerin mit besonderer Rückhand-Stärke.

Im Europapokal werden nur Einzel ausgetragen, insgesamt maximal fünf. Die Berlinerinnen rechnen sich gute Chancen auf den erstmaligen Einzug in das EC-Finale aus. "Wir wollen in Duga Resa gewinnen und uns damit eine gute Ausgangsposition sichern", sagte Manager Rainer Lotsch. "Die Mannschaft hat vor der Weihnachtspause sehr gut gespielt, warum sollte sie jetzt nicht daran anknüpfen?" Mit der Chinesin Ran Li, der Weißrussin Veronika Pavlovitch, der Litauerin Ruta Budiene und der deutschen Meisterin Christina Fischerin reist der Bundesliga-Dritte mit dem besten Aufgebot auf den Balkan.

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