Vierschanzentournee : Duell in Garmisch

Simon Ammann hatte eine Durststrecke hinter sich. Jetzt ist der Skispringer zurück - und steuert bei der Vierschanzentournee den Gesamtsieg an. Er hat allerdings einen starken Gegner.

Große Erwartungen: Simon Ammann will den Gesamtsieg
Große Erwartungen: Simon Ammann will den GesamtsiegFoto: dpa

Am Sonntagabend im Kursaal von Oberstdorf tat Simon Ammann etwas, was vor ihm noch kein anderer Sieger des Auftaktspringens der Vierschanzentournee getan hatte: Er legte sich nach der Pressekonferenz rücklings auf einen Tisch und blieb minutenlang regungslos liegen. Nur zweimal blinzelte er freundlich in eine Handykamera, sagte aber nichts. Müdigkeit oder das Verarbeiten großer Emotionen könnten als Erklärung dienen, doch es ist noch einfacher: Der Held hat’s im Rücken.

„Die Körperspannung kann zu viel werden, dann bring’ ich die Rückenprobleme gar nicht mehr raus“, hatte Simon Ammann vor seiner öffentlichen Ruhepause erklärt, „diese Gefahr ist während der Tournee da.“ Und bei dieser hat der Doppel-Doppelolympiasieger noch einiges vor, nämlich zum ersten Mal die Vierschanzentournee gewinnen. „Es ist jetzt möglich, da mitzumischen, das ist genial“, sagte der 32 Jahre alte Schweizer vor dem Neujahrsspringen am 1. Januar in Garmisch-Partenkirchen (14 Uhr, live im ZDF).

Es ist allerdings nicht so, dass er diesem letzten großen ihm noch fehlenden Titel verzweifelt hinterherspringen würde. „Meine Karriere wäre nicht unvollendet, wenn ich die Vierschanzentournee nicht mehr gewinnen würde“, sagt er nach seinem insgesamt dritten Einzelerfolg bei der Vierschanzentournee, „ich hatte bereits viel Spaß an der Tournee – und jetzt auch wieder.“

Nach den Sieg in Oberstdorf dreht Ammann auf

Der Erfolg von Oberstdorf diente ihm nun vor allem als öffentliche Selbstvergewisserung, auf dem richtigen Weg zu sein. „Es ist einer der schönsten Momente in meiner Karriere“, sagte Simon Ammann. Seit der Saison 2011/12 hatte er nicht mehr an seine alten Erfolge anknüpfen können, war ohne Weltcuperfolg geblieben. „Wenn man die letzten zwei Jahre sieht, könnte man von einem Profi schon mehr erwarten“, sagte er in Oberstdorf selbstkritisch. Die Änderung des Body-Mass-Index für Skispringer und der Anzüge hatte ihn zurückgeworfen. „Danach mussten wir erst neu herausfinden, was die optimale Skilänge zum Gewicht ist“, sagt der Schweizer Cheftrainer Martin Künzle, „wir brauchten ein bisschen länger.“ Hinzu kamen noch die Rückenprobleme, die Simon Ammann inzwischen als „mein Handicap“ bezeichnet.

Man ahnt, dass die erfolglose Zeit für Trainer und Athleten nicht einfach gewesen ist. „Er ist sehr detailverliebt“, sagt Martin Künzle, „es gibt schwierige Momente, die mehr Zeit und Nerven benötigen.“ Ansonsten aber könne man mit Simon Ammann sehr gut arbeiten. „Er kann bei jedem Sprung ans Limit gehen, diese Eigenschaft haben nur wenige Athleten.“

Ein neuer Kampf steht an: Schlierenzauer gegen Ammann

Simon Ammann kann aber auch diplomatisch sein. Am Sonntagabend hielt er sich geschickt aus einer Regeldiskussion heraus, die sein Rivale Gregor Schlierenzauer angestoßen hatte, nachdem er trotz guter Sprünge nur auf Rang neun gelandet war. Im Skispringen wird das Ergebnis inzwischen mit einer komplizierten Formel aus Weite, Haltungsnoten, Anlaufluke und Windbedingungen errechnet. Der Österreicher musste im ersten Durchgang vier Luken über dem Schweizer starten, was ihm schon beim Anlauf einen Rückstand von 14,8 Punkten beschert hatte. „Um zu gewinnen, benötigt man mittlerweile schon das Glück, aus welcher Luke man losfährt“, monierte Schlierenzauer. Simon Ammann aber sagte nur: „Die Jury hat es sehr schwer.“

Möglicherweise war Gregor Schlierenzauer auch deshalb so sauer, weil ihm nun in Simon Ammann ein ernsthafter Konkurrent im Kampf um die heiß ersehnte erste Einzelgoldmedaille bei Olympischen Spielen erwächst. Nach seinen Doppelolympiasiegen von Salt Lake City 2002 und Vancouver 2010 ist der 58 Kilogramm leichte Schweizer schon jetzt der erfolgreichste Skispringer in olympischen Einzelwettbewerben. Und nun stehen seine Vorzeichen für Sotschi auch wieder besser. „Es ist wichtig, in eine Saison gut zu starten und gute Sprünge zu zeigen, damit das Selbstvertrauen da ist“, sagt Martin Künzle. Das sei ihnen jetzt zum Glück gelungen. „Das ist das Wichtigste im Hinblick auf Sotschi“, sagte der Schweizer Cheftrainer.

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Obwohl Simon Ammann schon vier olympische Goldmedaillen besitzt, bleiben die Olympischen Spiele das bedeutendste Saisonziel. „Sotschi steht als Nummer eins“, sagte Martin Künzle, „alles, was dazu kommt, ist Zugabe.“ Womöglich ist das für Simon Ammann auch deshalb so wichtig, weil seine Frau Yana aus Russland stammt. Zuletzt aber musste er die vor Olympischen Spielen im Schweizer Team traditionelle Erkundungs- und Akklimatisierungsreise zum Austragungsort absagen. Wegen Rückenproblemen. Das soll ihm nicht noch einmal passieren. „Ich muss jetzt einfach die ganze Anspannung wegbringen“, gab er in Oberstdorf als wichtigstes Ziel an – und legte sich auf den Tisch.

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