Vierschanzentournee : Ein Österreicher zum Abheben

Deutschlands Skisprung-Trainer Schuster wird gelobt – die Vierschanzentournee ist seine erste Prüfung

Benedikt Voigt[Oberstdorf]
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Wenn Skispringen ganz einfach ist, hat die Fußball-Europameisterschaft 2008 den Aufschwung der deutschen Skispringer eingeleitet. Am 16. Juni hatten sich vor der Liveübertragung des EM-Vorrundenspiels zwischen Deutschland und Österreich im Innsbrucker Bergisel-Stadion die Skispringer beider Nationen in einem Jux-Springen duelliert. Dazu muss gesagt werden, dass die österreichischen Skispringer im Gegensatz zu den österreichischen Fußballern das Nonplusultra ihrer Sportart sind, entsprechend nervös reisten die deutschen Springer an. „Wir dachten alle, hoffentlich gibt es kein 0:5“, sagt der deutsche Bundestrainer Werner Schuster. Doch es siegte der erste Deutsche, dann der zweite, und am Ende hatten die deutschen Springer 3:2 gewonnen. Mit einem euphorischen Gefühl seien sie ins Training zurückkehrt, berichtet Werner Schuster: „Jeder wusste plötzlich: Wir können was.“

Wahrscheinlich aber ist Skispringen viel komplizierter, und dann dürfte der jüngste Aufschwung vor allem mit dem neuen Schuster zusammenhängen. „Er hat einen sehr großen Anteil daran“, sagt Martin Schmitt, „so eine Form wie zurzeit hatte ich schon seit Jahren nicht mehr.“ Als Sechster im Gesamtweltcup geht der 30 Jahre alte Skispringer in die heute mit der Qualifikation startende 57. Vierschanzentournee. Der ehemalige Tourneesieger Sven Hannawald zählte ihn zu den Mitfavoriten, doch das dürfte noch zu früh kommen. „Deutschland hat noch keine Big Player im Skispringen“, sagt Schuster. Michael Uhrmann und Michael Neumayer gelten bei der Vierschanzentournee als Kandidaten für Plätze unter den ersten zehn, Stephan Hocke dürfte sich um Platz 20 orientieren.

„Das Ziel ist es, Deutschland unter die besten drei Nationen zurückzuführen“, sagt Schuster. Der Deutsche Skiverband hatte ihn im März anstelle des glücklosen Peter Rohwein verpflichtet, um den Abwärtstrend der letzten Jahre zu stoppen. Das ist ihm bisher auch gelungen, doch für eine Bilanz ist es noch viel zu früh. „Der Sport ist viel komplizierter“, sagt Werner Schuster, „es braucht mehr als nur Hand auflegen.“

Allerdings ist schon jetzt klar, dass der Deutsche Skiverband eine Koryphäe seines Faches für sich gewinnen konnte. Der 39 Jahre alte Österreicher kann auch einen Anteil an den aktuellen Erfolgen jener Springer beanspruchen, die zurzeit die Sportart dominieren. Und bei der Vierschanzentournee große Favoriten sind. So hat er den Österreicher Gregor Schlierenzauer während dessen Zeit auf dem Skigymnasium Stams als Nachwuchstrainer betreut. Und den Schweizer Simon Ammann führte er in der vergangenen Saison als Schweizer Cheftrainer zu neuen Höhenflügen. Dann kam das Angebot des Deutschen Skiverbandes.

„Es war keine einfache Entscheidung, ich war zufrieden in der Schweiz“, sagt Schuster. Der deutsche Dreijahresvertrag sei finanziell zwar etwas besser dotiert gewesen, aber das habe nicht den Ausschlag gegeben. „Ich wollte wieder lieber mit einer Mannschaft arbeiten“, sagt er, „in der Schweiz war mir im letzten Jahr der dritte Mann abhanden gekommen.“ Zudem sei es auch Zeichen einer großen Wertschätzung, das gesamte System in Deutschland mitgestalten zu können. Und auch ein persönlicher Faktor habe eine Rolle gespielt. Im DSV hatte nämlich gerade Horst Hüttel von Rudi Tusch die Rolle als Sportlicher Leiter für den Bereich Ski Nordisch übernommen. Hüttel und Schuster kennen sich seit Teenager-Zeiten von verschiedenen Wettbewerben, später trafen sie sich als Nachwuchsverantwortliche für Deutschland beziehungsweise Österreich bei den Nordischen Kombinierern wieder. Werner Schuster weiß, dass er in Horst Hüttel einen Vertrauten als Vorgesetzten im Deutschen Skiverband hat. „Es hilft, wenn man weiß, dass einem der Rücken freigehalten wird“, sagt er.

Gemeinsam mit Horst Hüttel strukturierte er den Nachwuchsbereich um und schuf größere Durchlässigkeiten zwischen den Kadern. Auch initiierte er mehr Lehrgänge. „Das soll den Leistungsgedanken fördern“, sagt Schuster.

Die Auswirkung seiner Umstrukturierung im Nachwuchsbereich dürfte sich erst in einigen Jahren zeigen. Früher werden die Ergebnisse seiner Weltcupmannschaft bei dieser Vierschanzentournee zu Buche stehen. Ein konkretes Ziel will er aber nicht ausgeben. „Das ist etwas für Journalisten, die einen festnageln wollen, ob es erreicht wurde oder nicht“, sagt Bundestrainer Werner Schuster. Er ist vorsichtiger, wohl auch weil Werner Schuster weiß: Diese Vierschanzentournee wird auch seine erste Bewährungsprobe.

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