Sport : Vierschanzentournee: Ganz oben gelandet

Benedikt Voigt

Vielleicht lag es an dem silberfarbenen Anzug, vielleicht kam der Sprecher an der Paul-Außerleitner-Schanze aber auch auf die Idee, als er ihn von oben langsam auf den Boden herunterschweben sah. "Sven Hannawald", rief der Mann am Mikrofon aufgeregt, "der erste Außerirdische." Es mag von unten vielleicht nicht so aussehen, aber der Skispringer Sven Hannawald ist immer noch ein Mensch. Allerdings einer, der Sporthistorisches geleistet hat. Als erster Skispringer in der 50-jährigen Geschichte der Vierschanzentournee gewann er alle vier Springen.

Ob Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck oder gestern Bischofshofen, der Sieger trug immer den gleichen Namen: Sven Hannawald. "Es gab so viele, die es probiert haben, da macht es mich stolz, dass ich es geschafft habe", sagte Hannawald. Müßig zu erwähnen, dass er damit auch die 50.Vierschanzentournee vor Matti Hautamäki und Martin Höllwarth gewann. In dieser Reihenfolge endete auch das Springen von Bischofshofen. Als letztem Deutschen war es Jens Weißflog 1996 gelungen, das wichtigste Ereignis im Skispringen zu gewinnen.

Als es durch Sprünge auf 139 Meter und 131,5 Meter schließlich geschafft war, fielen ihm Mutter und Schwester im Auslaufbereich in die Arme. "Oh, wie ist das schön", sangen 30 000 Zuschauer an der Paul-Außerleitner-Schanze zu seinen Ehren. Der 27-Jährige feierte seine unglaubliche Siegesserie, indem er in Jürgen-Klinsmann-Manier durch den Zielraum rutschte. Den Prominentengrad des Fußballers dürfte Sven Hannawald durch seine vier Siege in neun Tagen inzwischen auch erreicht haben. "Wir haben das Merchandising in einer Woche um 1000 Prozent gesteigert", wunderte sich sein Manager Werner Heinz. Dabei hatte Hannawald vor dieser Saison zwischenzeitlich noch nicht einmal einen Sponsor gehabt.

Der Sieg in Bischofshofen war die letzte Karte, die Sven Hannawald noch zu seinem Glück gefehlt hat. Mit 139 Metern im ersten Durchgang hatte er seinen eigenen Schanzenrekord übertroffen. Zu den 160 000 Mark Prämie für die vier Siege und dem Auto des Tourneesponsors kassierte Hannawald als erster Springer, der den Grand Slam schaffte, auch noch 50 000 Euro Extraprämie. "So richtig kann ich noch gar nicht einordnen, was ich erreicht habe", sagte Hannawald. Bei der Euphorie um den großen Star dieser Tournee ging beinahe unter, dass Martin Schmitt in Bischofshofen mit Platz fünf das für ihn beste Ergebnis bei dieser Tournee erreichte. In der Gesamtwertung landete er auf Rang sieben. "Insgesamt bin ich nicht zufrieden", sagte Martin Schmitt, "das ist nicht mein Anspruch." Immerhin verzeichnete er in den letzten beiden Springen einen Aufwärtstrend.

Sven Hannawald war froh, als alles vorbei war. Er hofft, zu Hause in Hinterzarten Ruhe zu finden, ehe er schon am kommenden Wochenende in Willingen schon wieder die Schanze hinunterrutschen muss. Zuletzt konnte er in den Nächten fast gar nicht mehr schlafen. "Abends war er kaputt, er schläft nur noch im Auto", sagte Kotrainer Wolfgang Steiert. "Die Aufregung war schon extrem", berichtet der neue Volksheld, "eine fünfte Station hätte ich nicht mehr geschafft." Reinhard Hess lobte seine neue mentale Stärke. "Menschlich ist er der Stabilste", sagte der Bundestrainer, "davor ziehe ich meinen Hut." Noch im letzten Jahr war Hannawalds Form so schlecht, dass ihn die Bundestrainer nach Hause schickten. "Ich habe nie gedacht, da rauszukommen", sagte Hannawald, sogar beim Aufstehen aus dem Sofa habe er Schwierigkeiten gehabt. "Dass es wirklich so schnell ging, war phänomenal." Der Bundestrainer glaubt, dass genau das seine neue Qualität ist. Hess sagt: "Er hat Stärke bewiesen, er hat sich selbst überzeugt."

Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder reihte sich ein in die Schar der Gratulanten, indem er Hannawald in der Minute des Sieges ein Gratulationsfax sandte. Dennoch war Sven Hannawald nicht der einzige deutsche Star in Bischofshofen. Noch einem flogen die Herzen der Zuschauer zu, obwohl er kein einziges Mal die Anlaufspur hinuntergeglitten war, und als Fernsehmoderator nur ein Mikrofon in der Hand halten musste. Auf einem Schild war es vermerkt: "Günther Jauch, wir lieben dich."

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