Sport : Vierschanzentournee: "Ihr seht immer nur das Negative"

Benedikt Voigt

Zuletzt hat Jörn Bökeloh das Fernsehen nicht viel Spaß gemacht. Für gestern hatte der bekennende Martin-Schmitt-Fan aus dem Harz eine Reise nach Bischofshofen gebucht, um das heutige vierte Springen der Vierschanzentournee einmal aus der Nähe zu sehen. Doch was musste er vor dem Bildschirm miterleben? Sein Idol vergab seine Chancen auf den Gesamtsieg. "Das war schon ein bisschen enttäuschend", sagt der Mann vom Skiclub Benneckenstein. Trotzdem will er ihm auch beim letzten Springen die Treue halten: "Ich möchte schon noch sehen, ob Martin Schmitt auf Platz vier oder fünf landet."

Da gibt es allerdings jemanden, der ganz anderer Meinung ist. "Die Spannung fällt ab, seitdem die Entscheidung gefallen ist", sagte Martin Schmitt vor seinem heutigen Auftritt in Bischofshofen (ab 13 Uhr live auf RTL). "Nur der Sieg bei der Vierschanzentournee hätte gezählt", meinte der Führende im Weltcup enttäuscht, "ob ich Zweiter oder Dritter werde ist egal." Bereits gestern zeigte Martin Schmitt Nerven und verweigerte erstmals ein Interview beim Fernsehsender RTL, der die Rechte am Skispringen erworben hat. Der Sender hatte nach dem Training seinen Sprung im Fernsehen mit dem Versuch von Adam Malysz verglichen, dem überragenden Springer dieser Tournee, . "Ihr seht immer nur das Negative", beschwerte sich Schmitt daraufhin. Wenn nun sogar Deutschlands Vorzeigeskispringer mit Motivationsproblemen kämpft, haben dann die Fans noch Lust auf das letzte Springen?

RTL-Informationsdirektor Hans Mahr glaubt schon. Er sagt: "Das haben wir beim Springen in Innsbruck schon gesehen." Ungefähr 5,1 Millionen Zuschauer sahen den ersten Durchgang des dritten Springens, als Schmitt mit 96 Metern nur auf dem zwölften Platz landete. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass der 22-Jährige keine Chance mehr auf einen Sieg hat. Dennoch schalteten die meisten Zuschauer ihre Fernsehapparate nicht aus. Im Gegenteil. RTL zählte im zweiten Durchgang in der Spitze 5,67 Millionen Zuschauer. "Bei der Formel 1 schaltet auch niemand aus, wenn die beiden Schumachers frühzeitig ausfallen, und Trulli vor Wurz gewinnt", sagt Mahr. Der Informationsdirektor glaubt, dass sich die Zuschauer nicht nur für Martin Schmitt und Sven Hannawald sondern für die gesamte Sportart interessieren. "Skispringen hat wie die Formel 1 eine wirkliche Popularität bekommen", erklärt Mahr.

Mindestens für Bischofshofen stimmt diese Beobachtung. Dort kreischten beim Qualifikationsspringen weniger Mädchen als noch in Obersdorf oder Garmisch Patenkirchen. Vielmehr beklatschte ein weitgehend fachkundiges Publikum die Leistungen von Adam Malysz oder Janne Ahonen. Obwohl auch die Österreicher in diesem Jahr bei der Vierschanzentournee hinterherfliegen, werden heute 25000 Zuschauer an der Paul-Ausserleitner-Chance erwartet. "Skispringen ist ein Beispiel für die Nationenvielfalt", sagt der Renndirektor vom Internationalen Skiverband, Walter Hofer, "das Interesse in Bischofshofen ist größer denn je." Auch bei Martin Schmitt? "Ich habe nicht mehr die 100-prozentige Frische", sagte dieser, "aber ich werde versuchen mich zu motivieren." Die Fans werden es ihm danken.

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