Sport : Vierschanzentournee: Japanische Spaßvögel

Benedikt Voigt

Wer schon einmal im Deutschen Sportfernsehen (DSF) die Sendung "Takeshis Castle" gesehen hat, muss sich ernsthafte Sorgen um den Humor der Japaner machen. Dort werden Menschen gezeigt, die sich im Schlamm wälzen oder nach einem Hindernis ins Wasser fallen, und alle Herumstehenden scheinen das besonders lustig zu finden. Umso beruhigender war es deshalb, Masahiko Harada im Oberstdorfer Kongresszentrum zu erleben. Gemeinsam mit dem österreichischen Dolmetscher bewies der japanische Skispringer, dass sich der fernöstliche Humor nicht vom mitteleuropäischen Spaßverständnis unterscheiden muss. Wie es denn mit dem Gesamtsieg aussehe, fragte ein Journalist, denn Harada hatte das erste Springen der Vierschanzentournee mit Rang drei abgeschlossen. "Schlecht", sagte der Japaner, "in Innsbruck gibt es keinen Lift zur Schanze - ich hoffe, dass mir da nicht schon vor dem Springen der Atem ausgeht."

Harada hat im japanischen Team den Spitznamen "Happy", weil er ein fröhlicher Mensch ist. Die Pressekonferenz mit ihm und seinem Landsmann Noriaki Kasai nach dem ersten Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf geriet deshalb zu einem amüsanten Ereignis. Die beiden Japaner hatten auch allen Grund zur Freude. Mit Rang zwei (Kasai) und Rang drei (Harada) in Oberstdorf zählen sie momentan zu den größten Konkurrenten von Martin Schmitt auf den Gesamtsieg. Der Weltcupsieger der letzten beiden Jahre war auf der Schattenbergschanze mit dem neuem Schanzenrekord von 133 Metern auf Platz eins gesprungen. "Es lässt sich nicht leugnen, dass Schmitt in sehr guter Form ist", sagte Harada anerkennend. Der japanische Delegationsleiter Manabu Ono ist nicht so bescheiden. "Auch Martin Schmitt macht Fehler", sagte der ehemalige Cheftrainer der Japaner, "das haben wir im ersten Durchgang gesehen." Schmitt war da lediglich auf Platz vier geflogen.

Der Höhenflug der Japaner kommt ein wenig überraschend. Während Kasai beim Grand Prix im Sommer immerhin auf Rang vier sprang, musste Harada aussetzen. Die Firma, für die er im Weltcup startet, war in einen Gesundheitsskandal verwickelt. 16 000 Japaner bekamen Durchfall, weil das Unternehmen Trockenmilch falsch gelagert hatte. Wegen dieser Unglücksfälle wollte die Firma ihre Skispringer nicht an Wettbewerben teilnehmen lassen. Harada nutzte die Pause, um seine Fitness zu verbessern.

Wer den Japaner mit seiner gefärbten Beatles-Frisur im Pressezentrum herumstehen sieht, der kann die exklusive Begeisterung der deutschen Teenies für Martin Schmitt und Sven Hannawald nicht so recht verstehen. Während die beiden Deutschen wie kleine Schulbuben unter ihren Sponsorenmützen verschwinden, stolziert Harada lässig in Skianzug und mit umgehängter Skibrille unbelästigt durchs Pressezentrum. In Japan wird um ihn kein großer Rummel mehr gemacht. "Ich bin zu alt für so etwas", sagt der 32-Jährige. Das war anders, als Harada 1994 bei den Olympischen Spielen in Lillehammer mit einem total verpatzten Sprung der japanischen Mannschaft die schon sicher geglaubte Goldmedaille entriss. Vier Jahre später machte er seinen Fauxpas mit der Goldmedaille im Mannschaftswettbewerb und einem dritten Platz auf der Großschanze wett.

Vor dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen (Qualifikation heute ab 13 Uhr live auf RTL) behauptet Harada mutig: "Wenn ich vor dem letzten Springen in Bischofshofen nur knapp hinter dem Führenden liege, habe ich eine gute Chance zu gewinnen." Noriaki Kasai entgegnet seinem Teamkameraden: "Das glaube ich nicht."

Noch so ein Spaßvogel, ein japanischer.

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