Vierschanzentournee : Schanze mit Gegenwind

Nach dem chaotischen Neujahrsspringen stehen die Veranstalter in der Kritik. Es stellt sich auch die Frage, ob das Skispringen durch die Weiterentwicklung vor allem im Bindungssystem noch anfälliger für Seitenwinde geworden ist – und damit gefährlicher.

Der Fall des Andreas Kofler. Nachdem ihn eine Windböe erwischt hat, verhindert der Springer mit Mühe einen Sturz.
Der Fall des Andreas Kofler. Nachdem ihn eine Windböe erwischt hat, verhindert der Springer mit Mühe einen Sturz.Foto: Reuters

Vielleicht sollte das Skispringen künftig nach der Windformel auch Wertungspunkte für menschliche Werte einführen. Dann hätte die Ergebnisliste des Neujahrsspringens von Garmisch-Partenkirchen, das wegen widriger Windverhältnisse reichlich chaotisch war, wenigstens etwas fairer ausgesehen. Thomas Morgenstern etwa wäre nicht auf Rang 14 gelandet, sondern hätte einige Plätze wettgemacht. Dem Sieger Simon Ammann hingegen wären einige Punkte abgezogen worden.

Thomas Morgenstern erntete überall Lob für seine Reaktion auf einen unfairen Wettbewerb, der seinen Vorsprung auf Simon Ammann im Gesamtklassement der Vierschanzentournee vor dem heutigen dritten Springen in Innsbruck (13.45 Uhr, live in der ARD) auf 14,5 Punkte schmelzen ließ. „Abhaken, in Innsbruck geht es weiter“, sagte er nur Minuten nach dem Ende des umstrittenen Springens, „es bringt mir nichts, irgendwelche Gedanken bezüglich der Jury zu machen, sie hat den Wettkampf durchgezogen, er steht auf dem Papier.“ Diese Sätze konnten seinen Trainer Alexander Pointner noch am nächsten Tag begeistern. „Wenn ich auf die Ergebnisliste schaue, dann kann man sagen: Österreich war der Verlierer“, sagte er, „wenn man aber die menschlichen Werte sieht, bin ich sehr stolz.“ Sieger Ammann hingegen versäumte es, sein Bedauern auszudrücken für die Umstände seines Sieges und feierte seine eigene, unbestritten herausragende Leistung. Immerhin gab er zu: „Ich bin mittendrin und nicht so objektiv.“

War das Neujahrsspringen gefährlich? „Zum Teil“, sagte Morgenstern, „ich bin froh, dass ich heil unten bin.“ Sein Landsmann Andreas Kofler verhinderte nur mit größter Mühe einen Sturz, nachdem ihn eine Windböe erwischt hatte, der Finne Ville Larinto zog sich sogar einen Kreuzbandriss zu. Für ihn ist die Saison beendet. Allerdings war er nach einem weiten Flug auf 140 Meter erst im Auslauf gestürzt, seine Verletzung hatte der Wind wohl nicht verschuldet. „Okay, der Flug von Andreas Kofler hat ein bisschen wild ausgeschaut“, sagte der deutsche Bundestrainer Werner Schuster, „aber man hat heute nicht die Gesundheit und das Leben der Athleten riskiert.“ Selbst Pointner, dessen Springer am meisten beeinträchtigt wurden, wollte der Jury einen Tag später keinen direkten Vorwurf machen. „Ein Abbruch wäre oft möglich gewesen“, sagte er, „aber Renndirektor Walter Hofer und die Jury hatten eine schwierige Position, ich wollte gestern nicht in ihrer Haut stecken.“ Der Renndirektor hatte erklärt: „Man hat wieder gesehen, dass Skispringen eine Freiluftsportart ist.“

Allerdings eröffnete sich auch die Frage, ob das Skispringen durch die Weiterentwicklung vor allem im Bindungssystem noch anfälliger für Seitenwinde geworden ist – und damit gefährlicher. „Gefährlicher würde ich nicht unterschreiben“, sagte Schuster, „aber es ist definitiv sensibler geworden, das war heute bei starkem Seitenwind sichtbar.“ Die neue Bindung macht die Springer noch flugfähiger. So war Simon Ammann bei seinem Schanzenrekord in Garmisch-Partenkirchen vor einem Jahr noch aus Luke 25 angefahren, diesmal genügte auch aufgrund des neuen Bindungssystems ein verkürzter Anlauf in Luke 14, um fast auf ähnliche Weiten zu kommen. „So drastisch wie hier war es noch auf keiner Schanze sichtbar“, sagte Schuster.

Ein Grund mehr, warum sich die Veranstalter auch um die Konstruktion ihrer Schanze Gedanken machen müssen. „Sie ist neu gebaut, sie steht hoch da, aber es hat für Flutlicht nicht mehr gereicht, und es gibt auch kein Windnetz“, sagte der Bundestrainer, „am Nachmittag kommt immer mal Seitenwind, man ist hier sicher etwas anfälliger.“ In Innsbruck haben die Veranstalter ein Windnetz gebaut, nachdem das Springen wegen starker Föhnwinde vor zwei Jahren ausfallen musste. Die Springer dürften seit dem Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen für jede Verbesserung dankbar sein.

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