Vierschanzentournee : Spaß gewinnt beim Skispringen

Mit wenig ergebnisorientiertem Denken dominieren Österreichs Skispringer die Vierschanzentournee. Fünf von ihnen sprangen beim Auftaktwettbewerb in Oberstdorf unter die ersten neun.

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Flieger, grüß mir die Sonne. Thomas Morgenstern gewann das Auftaktspringen in Oberstdorf und ist Favorit für das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen.
Flieger, grüß mir die Sonne. Thomas Morgenstern gewann das Auftaktspringen in Oberstdorf und ist Favorit für das Neujahrsspringen...Foto: AFP

Öfter schon hat Thomas Morgenstern erklärt, warum er nicht mehr „Morgi“ genannt werden will. Nun muss er es, nach seinem Sieg im Auftaktspringen der Vierschanzentournee, im Kurhaus Oberstdorf noch einmal machen. „Weil ich mich weiterentwickelt habe“, sagt der österreichische Skispringer und dreht die Sponsorenmütze mit den grauen Zotteln in seiner Hand, „weil ich erwachsener und seriöser geworden bin“. Seriöser? Darüber muss der einstige Gaudibursche des österreichischen Teams selber kurz lachen, dann wird er wieder ernst: „Ich bin der Thomas, so steht es in meiner Geburtsurkunde und in meinem Pass.“ Dumm nur, dass sein Teamkollege Manuel Fettner das nicht gehört hat. Von der anderen Seite des Tisches ruft er: „Auf geht's, Morgi.“

So eine Imagekorrektur ist eben eine schwierige Sache. „Es fällt mir auch schwer, ihn nicht Morgi zu nennen“, sagt Florian Kotlaba, Pressesprecher der österreichischen Skispringer, „er ist auch nicht böse, wenn ihn jemand noch Morgi nennt, ich erwische mich die ganze Zeit dabei.“ Womöglich geht es auch gar nicht so sehr darum, ob Thomas Morgenstern per Vornamen gerufen wird oder nicht. Es geht um das Zeichen der Reife, das der 24 Jahre alte Skispringer mit seinem Ansinnen setzt. Morgenstern ist tatsächlich erwachsener geworden, vorbei sind die Zeiten, in denen er unbedarft im braunen Sakko und Krawatte aufs Podium stolziert und sein Outfit damit erklärt, dass er mal etwas anders machen wollte. Inzwischen hält er sich mit den Scherzen zurück und denkt über jeden Satz zweimal nach. Was an dem Psychologen liegt, mit dem er zusammenarbeitet. Und an der neuen österreichischen Mannschaftsdoktrin.

„Vermeiden des ergebnisorientierten Denkens“ lautetet die Formel, an die Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner glaubt. „Die Springer sollen ihre bestmögliche Leistung abrufen und einfach Spaß haben, das ist etwas ganz anderes als Erster werden zu wollen“, sagt er, „wir schauen nicht auf die Ergebnisse.“ Seine Springer sind fortan auf der Suche nach etwas Größerem als schnöde Ergebnisse. Ein Beispiel? „Ich habe den Moment heute genossen, die Emotionen beim Ausfahren im Stadion“, sagte Morgenstern nach seinem Sieg, „das will ich erleben, dafür gebe ich mehr als für eine Platzierung, das hat einen anderen Wert.“ Kurioserweise aber bringt diese nicht-ergebnisorientierte Einstellung offenbar die besten Ergebnisse. Fünf Österreicher sprangen in Oberstdorf unter die ersten neun.

Und Morgenstern dominiert zurzeit den Weltcup. Von acht Springen hat der Olympiasieger von Turin fünf gewonnen, in Oberstdorf dominierte er die Konkurrenz in beiden Durchgängen mit Sprüngen auf 131,5 und 138 Meter. „Er hebt sich aus der Masse ab“, schwärmte der deutsche Bundestrainer Werner Schuster, „er springt fantastisch.“ Selbst als Favoriten wie der Pole Adam Malysz mit den schwierigen Rückenwindbedingungen im ersten Durchgang Probleme hatten, flog Morgenstern so weit wie kein anderer. „Ich weiß, dass mein Paket auf einer guten Basis steht“, sagt er.

Neben der mentalen Vorbereitung, die auch eine Methode der audiovisuellen Wahrnehmungsförderung beinhaltet, beherrscht er die Konkurrenz mit seiner Athletik. Auf Österreichisch erklärt er das so: „I trainier' jahrelang, dass I a g'wisse Bauer in de Hax'n hob.“ Und wenn er diese Power in den Beinen beim Absprung am Schanzentisch einsetzt, „dann kann ich einen Stock höher fliegen als die anderen“. Genau das half im ersten Durchgang.

Thomas Morgenstern ist jetzt vor dem Neujahrsspringen am 1. Januar in Garmisch-Partenkirchen (13.45 Uhr, live in der ARD) der einsame Favorit auf den Gesamtsieg in der Vierschanzentournee. Das Problem ist nur, dass die österreichische Mannschaftsdoktrin es verbietet, dies auch laut auszusprechen. Und so kam es im Oberstdorfer Kurhaus zu einigen kuriosen Szenen. Morgenstern saß auf dem Podium mit dem rosa Ergebniszettel in der Hand und vermied es, ihn genauer anzusehen. Ob er schon mal nachgesehen habe, wie viel sein Vorsprung auf den Viertplatzierten Simon Ammann beträgt? „Nein“, sagt Morgenstern, „aber ich habe es schon dreimal gesagt bekommen.“ Umgerechnet 16 Meter liegt der Schweizer Doppelolympiasieger schon zurück.

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