Sport : Viertelfinale?Abgehakt! Frankreich glaubt nicht mehr ans Weiterkommen

Matthias Sander

Bern - Wie perplex die französischen Fußballer waren, zeigte vielleicht am besten ein Satz von Willy Sagnol. Als wolle er darlegen, wie sehr bei der 1:4-Niederlage gegen Holland jedes einzelne der vier Gegentore das französische Selbstbewusstsein gebrochen habe, stammelte er mit Blick auf das finale Gruppenspiel gegen Italien nur noch, dass man „versuchen müsse, weiterhin versuchen müsse, zu hoffen“. Die Versuchung, nicht mehr zu hoffen, ist allerdings sehr groß. So groß, dass Frankreichs Trainer Raymond Domenech gestern schon mal laut überlegte, das Erreichen des EM-Viertelfinales vorzeitig abzuhaken und gegen Italien jungen Spielern zu Einsätzen auf „sehr, sehr hohem Niveau“ zu verhelfen. Er sehe nur noch eine „winzige Chance“, sich am Dienstag mit einem Sieg gegen Italien zu qualifizieren. Rumänien dürfte dafür gleichzeitig nicht gegen die Niederlande gewinnen.

Dabei hatte das Spiel so ganz nach Domenechs Geschmack begonnen. Er schaute nach der herben Kritik an seiner Mannschaft nach dem uninspirierten 0:0 zum Auftakt gegen Rumänien seinen Spielern gegen Holland anfangs sichtlich vergnügt zu, wie sie wie Hornissenschwärme im Mittelfeld den jeweils ballführenden Spieler des Gegners attackierten. Zwar gelang nicht jede Balleroberung, aber der Biss und der Wille, im Vergleich zum Auftaktspiel einiges anders zu machen, waren deutlich sichtbar. Das lag auch an der Umstellung vom 4-4-2- auf ein 4-2-3-1-System, in dem Franck Ribéry als zentraler offensiver Mittelfeldspieler agierte. In Wirklichkeit aber schien Ribéry immer dort zu sein, wo die Franzosen gefährliche Aktionen starteten, egal ob in der Mitte, auf dem linken oder auf dem rechten Flügel. Aber das frühe 1:0 (9.) durch einen Kopfball von Dirk Kuyt nach einer Ecke von Rafael van der Vaart setzte die Franzosen noch mehr unter Druck.

Was die Blauen vermissen ließen, waren die Präzision und die beeindruckende Effizienz der Niederländer. Wenn die ihren One-Touch-Fußball vorführten, blieb den Franzosen oft nur das Zuschauen. Kurz vor und kurz nach der Pause jedoch hätten Sidney Gouvou und Thierry Henry durchaus ausgleichen können. Henry forderte vergebens einen Handelfmeter, als sich der niederländische Innenverteidiger André Ooijer in seinen Schuss warf, der Arm aber wohl nicht absichtlich den Ball berührte. Nur fünf Minuten später vergab Henry alleine vor Edwin van der Sar kläglich einen Heber. Zentimetergenau war nur Henrys Bewegung mit dem Innenrist, mit dem er Willy Sagnols scharfe Flanke zum Hoffnung gebenden 1:2-Anschlusstreffer ins Tor der Holländer lenkte.

Aber selbst auf das einstige Prunkstück der französischen Mannschaft, die Abwehr, ist inzwischen kein Verlass mehr. Nach zuvor fünf Spielen ohne Gegentor kassierten die Franzosen auf einen Schlag vier Treffer. Besonders schmerzlich war der, der kaum eine Minute nach dem 1:2 fiel. Aus vermeintlich ungünstiger Position traf Arjen Robben ins Netz und damit endgültig den Nerv der Franzosen. Frankreichs Torwart Grégory Coupet staunte anerkennend: „Beim dritten Tor kann Robben die Augen zumachen, und der Ball geht trotzdem rein.“

Was bleibt, sind Anzeichen von Resignation. Daran, dass ihnen die Holländer am letzten Vorrunden-Spieltag dieser Gruppe helfen, glauben die Franzosen nicht. „Sie werden nicht mehr mit der gleichen Energie wie zuvor ins Spiel gehen und andere Leute einsetzen“, vermutet Domenech.Matthias Sander

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