Sport : Vierzig Jahre Schmerzen

Ein englischer Mythos geht zugrunde: Was der 30. Juli 1966 in Wembley mit dem 1. Juli 2006 auf Schalke zu tun hat

Christopher Young

Männerrunde in Köln-Lindenthal. Kurz nach der WM, etwas länger seit Englands miserablem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Portugal. Unser drittes Treffen in einer Woche und immer dasselbe Thema. Heute sollte es, wie vorher fest abgemacht, endlich mal um was anderes gehen. Aber es kommt unwillkürlich und gnadenlos wieder. „Wir sind betrogen worden“, sagt James, „wie bei den angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak. Das sollte eine goldene Generation sein. Man hat uns solche Hoffnungen gemacht. Hochverrat. Sven, der englische Fußballverband, diese faulen, überbezahlten Spieler – die sollten sich alle schämen.“

„James“, sage ich tröstend, „das müssen wir jetzt wegstecken. Wir wollen uns doch den Abend damit nicht schon wieder verderben, oder?“ – „Wir sind verletzt“, wirft Dougie mit ernster Miene ein. „Wir haben eine tiefe, offene Wunde. Wie Siegfried in dieser deutschen Sage.“ – „Das Nibelungenlied“, füge ich etwas überflüssig hinzu. „Aber wir sind nicht die Nibelungen“, kontert mein Gesprächspartner blitzschnell, „wir Engländer sind die Nie-gelungen.“

Nicht schlecht der Witz für einen Friseur aus Wolverhampton. Dougies Verständnis des großen deutschen Mythos mag etwas verkürzt sein, aber der Gedanke trifft schon zu. Denn einem großen Teil der Engländer erscheint es in diesen Wochen völlig plausibel, dass es ihrem Land nie wieder gelingen wird, den Gipfel des Weltfußballs zu erreichen. Dafür fehlen nicht nur die Helden, sondern in einer mit ausländischen Talenten vollgepfropften Premier League die grundsätzlichen Strukturen, um die nächste Generation heranzubringen. „Bald ähnelt England Schottland“, sagt dazu Graham Taylor. „Mit mittelmäßigen Spielern, die nicht einmal in der ersten Stufe ihrer nationalen Liga starten dürfen, schaffen sie ab und zu mal mit Mühe und Not eine Qualifikation und scheiden dann in der Endrunde sofort wieder aus.“ Taylor sollte es wissen, war er doch damals der Trainer, dessen unterentwickelter Fußball uns um eine Teilnahme an der WM in den USA 1994 gebracht hat.

Heute vor 40 Jahren, am 30. Juli 1966, sah das alles anders aus: Als der sowjetische Linienrichter Tofik Bachramow in der Verlängerung im Wembley-Stadion befand, dass der Ball bei Geoff Hursts zweitem, Englands drittem und Führungstor die Linie überschritten hatte. Als Hursts historischer dritter Treffer in den letzten Sekunden für gültig erklärt wurde, obwohl sich „einige Zuschauer aufs Spielfeld“ begeben hatten, wie der BBC-Kommentator Kenneth Wolstenholme sehr zurückhaltend bemerkte. Das waren noch Zeiten.

Jeder weiß inzwischen, dass der Ball nicht drin war. Dass das Halbfinale von Liverpool nach London verlegt wurde, um der englischen Mannschaft ausschließlich „Heimspiele“ in Wembley zu verschaffen. Dass europäische Schiedsrichter in entscheidenden Spielen etwas seltsam zuungunsten der südamerikanischen Gäste gepfiffen haben. Und ja, dass heutzutage das Spiel wegen der drei englischen Fans, die in den letzten Sekunden auf den Sechzehnmeterraum zusteuerten und die Konzentration des deutschen Torhüters beeinträchtigten, sicherlich unterbrochen würde. Also: England 2 – Deutschland 2. Und dann vielleicht Elfmeterschießen, das es damals noch nicht gab.

Entmythologisieren konnte man diesen Schlüsselmoment der englischen Fußballgeschichte und bis zu einem gewissen Grad auch der Geschichte der englischen Populärkultur 40 lange Jahre lang allerdings nicht. Englands 1966 stimmt mit den allgemeinen wissenschaftlichen Theorien überein, nach denen die Funktion eines Mythos darin liegt, den Anfang von etwas zu bestimmen, was in der Gegenwart fortbesteht. Im Mythos 1966 wurde Englands Selbstwahrnehmung als traditionell führende Fußballnation der Welt in einem einzigen symbolischen Moment zusammengefasst, der immer wieder auf die Gegenwart projiziert werden konnte, um ein nationalistisches Überlegenheitsgefühl wiederaufleben zu lassen.

Der Mythos basiert auf einer nostalgischen Vorstellung von nationaler Überlegenheit, die vergangene Herrlichkeit auf die Gegenwart überträgt, eine Noblesse des Männlichen beschwört und unterschwellige Anklänge an die Klassengesellschaft in sich trägt, die auf die Wurzeln des Fußballsports in der britischen Arbeiterklasse zurückzuführen ist. Englands WM-Sieg stellte für die Engländer einen „Kennedy-Moment“ dar, der den Wiederaufstieg Großbritanniens in den Sechzigerjahren zu besiegeln schien und dann dazu diente, die betrübliche Realität der Siebziger, Achtziger und Neunziger zu verschleiern. Im Fußball wie im Leben.

Dann kam der Bruch. Vor vier Wochen in Gelsenkirchen, Arena Auf Schalke, als Englands mit Abstand bestes Team seit 1966 nach einer peinlichen Vorrundenserie über 120 Minuten gegen eine durch Sperrung und Verletzung dezimierte Mannschaft Portugals implodierte und zum zigsten Mal im Elfmeter die Seele aufgab. Mit drei verschossenen Versuchen waren Englands Spieler im Elfer-Drama noch nie so schwach. Und mit einem bei Real Madrid verwöhnten, sich auf dem Spielfeld übergebenden und auf der Bank heulenden Kapitän waren wir auch noch nie auf einen „deutschen“ Spieler (Owen Hargreaves) so angewiesen. Der Münchner traf als Einziger. Das auch noch. Vor dem Stadion meinten die englischen Fans, es sich nach dem Debakel erlauben zu können, den herumstehenden WAGS (Wives and girlfriends, englische Spielerfrauen und -freundinnen), mit Victoria Beckham an der Spitze, zuzurufen: „Hoffentlich ficken die Jungs besser, als sie Fußball spielen.“ Ganz schön gemein. Aber wir kochen ja auch alle vor Wut.

Und die „Boys of 66“ melden sich zu Wort. „Die Spieler von heute mögen uns wohl für Fuddy-Duddies halten“, schreibt Alan Ball, der 1966 in der Verlängerung die Außenlinie energisch auf und ab sprintend Karl-Heinz Schnellinger quälte, im „Daily Telegraph“, „aber sie sollten sich mal selbst überprüfen. Wie damals Alf Ramsey hatte Sven Göran Eriksson im Juni fünf Weltklassespieler im Kader. Bis auf den armen, verletzten Jimmy Greaves, der von Hurst ersetzt wurde, lieferten Ramseys Topspieler alle ein Turnier der Superlative. Aus Deutschland kann dagegen nur Rio Ferdinand mit erhobenem Haupt nach Hause zurückkehren.“ Vergessen dürfe man auch nicht, so Ball weiter, dass trotz Heimvorteils die Mannschaft von 1966 sich schließlich gegen Spieler wie Eusebio, Pele, Beckenbauer und Seeler behaupten musste, die auch in jeder 2006er Mannschaft herausragend gewesen wären.

Vom Standpunkt der jetzigen Misere betrachtet, steht 1966 nun nicht einmal mehr für den Endpunkt einer glorreichen Vergangenheit, sondern für das Ende des Glaubens, dass es diese jemals gegeben hat. Englands Sieg 1966 war halt nur das – ein Sieg und wahrscheinlich so gerade noch ein verdienter. Aber der Mythos greift nicht mehr. Nach Gelsenkirchen 2006 gehört er in den Mülleimer des kollektiven Gedächtnisses. Der Mythos verliert seine sinnstiftende Kraft und wandelt sich in Geschichte. Diese lautete ganz schlicht: Englands bis jetzt einzige goldene Generation hat einmal die WM gewonnen. Wir warten noch auf die nächste. Mit vierzig Jahren Schmerzen, bislang, wie es in der melancholischen Fußball-Hymne der Lightning Seeds mit Baddiel/Skinner so schön heißt.

„Stellt euch mal vor“, sagt Dougie, „wir wären im Achtelfinale auf die Deutschen getroffen!“ Inzwischen hatten wir immerhin schon andere Themen – James’ letzte Dreharbeiten in New Orleans, Dougies Kampf mit Krokodilen in Australien (Dougie erzählt ja Geschichten), Pläne für den Sonntag am Baggersee – aber das alte Trauma nistet sich im kollektiven Bewusstsein der Runde schnell wieder ein. „Die hätten uns überrollt. Die hätten diesmal nicht einmal Elfmeter gebraucht.“ – „Dougie, tu dir das bitte nicht an.“ Der englische Patient ist wirklich krank.

Der Autor ist Germanist an der Universität Cambridge, gab zuletzt das Buch „Der Lieblingsfeind. Deutschland aus der Sicht seiner Fußballrivalen“ heraus und hat gerade einen Forschungsaufenthalt in Köln abgeschlossen.

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