Sport : Virtuose Pragmatiker

Zwei Chancen, zwei Tore: Der AC Mailand demonstriert beim 2:0 über Eindhoven alte Qualitäten

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Das Schimpfwort hieß früher „catenaccio“. Heute spricht man etwas gehobener von Ergebnispragmatik. Und diese modernere Spielart des alten Verteidigungsbollwerks beherrschte der AC Mailand im Halbfinal-Hinspiel der Champions League virtuos. 80 000 Zuschauer im ausverkauften Giuseppe-Meazza-Stadion sahen beim 2:0-Sieg über den PSV Eindhoven, wie Milan aus zwei Chancen zwei Tore machte. Der Ukrainer Andrej Schewtschenko traf kurz vor der Pause, der eingewechselte Däne Jon Dahl Tomasson in der Schlussminute.

Milans Trainer Carlo Ancelotti erwähnt, sooft es geht, seinen Ziehvater Arrigo Sacchi. Unter seinem Regiment habe er die Kniffe des modernen Angriffsfußballs gelernt. Doch der Schüler hat längst seinen Lehrmeister übertroffen. Ancelotti hat Sacchis System in punkto Ergebnispragmatik perfektioniert. „Wir haben unsere Chancen optimal genutzt“, sagte der 46-jährige Fußballlehrer und fügte dann voller Siegeszuversicht hinzu: „Wir haben die Torte in der Hand, was fehlt, ist nur noch die kleine Kirsche obendrauf.“

Ancelotti mochte aus seinem gut funktionierenden Ensemble niemanden herausheben, nicht einmal seinen ukrainischen Superstar Andrej Schewtschenko. Der 29-jährige Stürmer, um den sich Milans Spiel mal wieder drehte, entschied mit einer glänzenden Einzelaktion das Spiel. Und das zu einem Zeitpunkt, da der holländische Meister mehr vom Spiel und auch die deutlich besseren Torchancen aufzuweisen hatte.

Guus Hiddink wahrte denn auch die Contenance nach der unglücklichen Niederlage. „Unser Problem war ganz klar der Abschluss“, sagte der Eindhovener Trainer. Das effektive Spiel der Mailänder habe ihm durchaus imponiert: „Das ist ihr Spiel: Sie werden auch im Rückspiel auf uns warten, das Spiel kontrollieren und auf Konter lauern.“

Die vor Freude taumelnden Tifosi wollten sich die Freude über den besonderen Triumph nicht schmälern lassen. Auch im Fußball heiligt bekanntlich der Zweck die Mittel. Milans dominante Rolle in der Champions League versetzte so manchen einheimischen Kolumnisten ins Schwärmen über den Wert des italienischen Fußballs im Allgemeinen. „Coole Killer“ titelte etwa die Mailänder „Gazzetta dello Sport“. Wenn es wortgewaltig und blumenreich irgendwelche sportlichen Erfolge zu rühmen gilt, dann ist die größte Sportgazette des Landes schwer zu übertreffen.

Selbstzufrieden äußerte sich auch der Kolumnist des Mailänder „Corriere della Sera“, Giorgio Tosatti, der konstatierte, Milan sei zum „goldenen Jahrzehnt“ zurückgekehrt. Keine Rede mehr vom Allgemeinplatz, dem Fußball „all’ italiana“.

Die nahe liegende Frage, wie italienisch der AC Mailand mit seinem Mammut-Budget und der Fußballer-Legion noch ist, werfen hierzulande weder Kolumnisten noch Tifosi auf. Wenn es um nationalen sportlichen Ruhm geht, ist eine differenzierte Sicht der Dinge eben nicht leicht.

Milans Vizepräsident Adriano Galliani mahnte unterdessen zur Vorsicht. „Der Gewinn der Champions League ist zwar dreimal so viel Wert, aber wir wollen natürlich auch den Meistertitel gewinnen“, sagte Galliani. In der nationalen Meisterschaft liefert sich der AC Mailand schon seit Wochen ein erbittertes Kopf-anKopf-Rennen mit Juventus Turin.

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