Sport : Vitamin C oder Vitamin B?

Über zwei Möglichkeiten, eine deutsche Fußball-Legende zu werden

Wolfram Eilenberger

Wir haben es alle genommen, die gesamte Meistermannschaft von 1980. Keiner von uns hat lange nachgedacht, als der Betreuer damals die Flasche mit dem „Hansi-Müller-Bums“ herumreichte und sagte: „Gibt Kraft in die Beine!“ Wir tranken, rannten und siegten 4:2 im Finale der E-Jugend-Kreismeisterschaft. Irgendein ehrgeiziger Vater hatte den „Hansi-Müller-Bums“ angemischt. Es war ein übel schmeckendes Gesöff, in dem sich, soweit ermittelbar, sämtliche käufliche Vitaminpillen sowie natürlich ein Döschen Ascorbinsäure (vulgo: Vitamin C) aufgelöst fanden. Von den Wirkungen selbst sind mir nur ungeheure Magenkrämpfe erinnerlich. Jedenfalls zeigte das Zeug Wirkung, womit es für die erfolgreiche Zukunft nicht bei Vitaminen bleiben konnte. Ab der B-Jugend wurde in der Kabine mit Asthma-Mitteln und Extrakten aus dem Body-Building-Center experimentiert. Und als Stefan R. aus seinem Thailand-Urlaub eine verbotene Pille mitgebracht hatte, sie vor Spielbeginn einwarf und nach seinem zweiten Tor über den Platz lief und schrie: „Es wirkt! Es wirkt!“, war uns das allen zwar ein bisschen peinlich, doch war die Erkenntnis zementiert: Chemie wirkt. Auch im Fußball. Selbstverständlich waren wir Einzelfälle. Der deutsche Vereinsfußball ist schließlich kerngesund und sauber, von jung bis alt, von oben bis unten. Wie in Wankeldorf, so auch heute.

Vermutlich ist es das Wissen, den Kampf um einen so genannten reinen Sport hoffnungslos verloren zu haben, das unsere sportliche Erinnerung heute dazu bringt, wenigstens in der mythischen Vergangenheit für Sauberkeit sorgen zu wollen. 50 Jahre nach dem Berner Wunder quält sich die Nation in der (durchaus nicht neuen) Ahnung, „wir“ hätten die Ungarn damals gedopt geputzt. Dabei beginnt die schädliche Verunsicherung um den Mythos von ’54 bereits im Begrifflichen. Denn ein Mythos ist kein Ereignis der Vergangenheit, sondern eine Geschichte, die sich eine Gemeinschaft erzählt, um sich überhaupt als eine Gemeinschaft begreifen zu können. Wer den Kern eines Mythos „historisch“ untersucht, hat deshalb entweder die Pointe verpasst, oder er legt es bewusst auf Identitätszersetzung an – das gilt für Jesus Christus wie für Fritz Walter.

Bevor wir unsere letzten, mythisch weißen Hemden beschmutzen und uns überdies mit Vitamin-C-Geständnissen vor aller Welt lächerlich machen, wäre es deshalb wesentlich sinnvoller, sich den verheerenden Auswirkungen des so genannten Vitamin B für den deutschen Fußball zuzuwenden. Schließlich gibt es, damals wie heute, wirksame Seilschaften, die auch dieses Jahr wieder für Berufungen jenseits des Leistungsprinzips sorgen. Weder Bobic noch Neuville haben im EM-Team etwas verloren. Und besieht man sich die Fälle Ramelow und Nowotny, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es gebe tatsächlich so etwas wie ein Spezialvitamin von der Bayer AG aus Leverkusen, das leistungsschwache Mitläufer in Nationalspieler verwandelt. Martin Max hat das Zeug offensichtlich nie genommen. Effizienter noch als Freunde beim richtigen Verein aber wirken Freunde bei der richtigen Zeitung. In diesem Zusammenhang darf an das wohl größte Verbrechen der jüngeren deutschen Fußballgeschichte erinnert werden: die EM-Nominierung von Lothar Matthäus im Jahre 2000. Die damalige Berufung durch die Bild-Zeitung führte nicht nur zu einer sozialen Zerrüttung der Mannschaft, sondern warf den deutschen Fußball auch spieltaktisch um Jahre zurück. Während der gesamte Kontinent die Position des letzten Mannes ersatzlos gestrichen hatte, segelten wir mit einem ebenso überforderten wie bewusst isolierten Rekordnationalspielerkapitän Matthäus in die Katastrophe. Als nichts mehr zu retten war, flüchtete sich Herr Ribbeck dann – in bester deutscher Denkertradition – in ein metaphysisches Kauderwelsch aus „subjektiv“ und „objektiv“, so dass selbst Egidius Braun am Ende eingesehen haben mag: der Mann ist wirklich so dumm, wie er nicht aussieht. Derart verheerend dürfte es dieses Jahr wohl nicht kommen. Dafür ist die Bayer-Connection zu brav, Völler zu clever und die Erwartungen sind zu gering. Mit der Leistung vom Mittwoch allerdings wurden Abgründe offenbar, die sich allenfalls mit der mythisch miesen Mannschaft von 2002 vergleichen lassen.

Wer sich von solchen Problemen ablenken und an der wahren Zukunft des deutschen Fußballs ergötzen will, dem steht es damals wie heute offen, den kleinen E-Jugend-Steppkes bei ihren ersten Rasengängen zuzusehen. Wie ein erster Frühlingsspaziergang in Köpenick beweist, herrscht jedoch auch hier bedrückende Kontinuität. Irgendein ehrgeiziger Vater ist Trainer, lässt seinen Sohn natürlich spielen, natürlich Libero, und macht ihn vom Rande aus, natürlich lautstark, zur Sau. Danach spielt der Kleine wie Ramelow in Rumänien; so erbarmenswert verängstigt und lustlos, dass man ihn am liebsten an die Seite gerufen hätte, um ihm zur gestischen Stärkung ein vitaminreiches „Nimm 2“ anzubieten.

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