• Volker Finke über Hertha BSC, Brot und Spiele und das angebliche Trainer-Paradies SC Freiburg

Sport : Volker Finke über Hertha BSC, Brot und Spiele und das angebliche Trainer-Paradies SC Freiburg

Herr Finke[vor der Saison haben Sie gesagt: Eigen]

Volker Finke (51) ist als dienstältester Trainer der Fußball-Bundesliga im neunten Jahr beim SC Freiburg tätig. Der freigestellte Gymnasiallehrer stieg mit dem Klub auf und ab und wieder auf. Er war auch als Tischtennis- und Volleyballtrainer erfolgreich, bevor er mit seinem niedersächsischen Heimatverein TSV Havelse den Aufstieg bis in die Zweite Liga schaffte. Danach wechselte er zum SC Freiburg. Mit Finke sprach Andreas Kötter.

Herr Finke, vor der Saison haben Sie gesagt: Eigentlich müsste es besser laufen als in der letzten Spielzeit, weil die Mannschaft Erfahrung sammeln konnte. Nach gutem Start scheint es nun eine kleine Krise zu geben.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass wir einen Punkt mehr haben als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison. Eigentlich müssten wir sogar drei, vier Punkte mehr haben. Dass es nicht so ist, müssen wir akzeptieren, und ich bin sicher, dass unsere Leistung ausbaufähig ist. Eigentlich bin ich zufrieden.

Sie sind zufrieden?

Okay, wer ist schon je zufrieden; man ist ja nie zufrieden, aber mit der Entwicklung der Mannschaft bin ich tatsächlich zufrieden.

Es scheint auch im Umfeld gar keine Unruhe aufzukommen, auch die Presse lässt Sie offensichtlich in Ruhe arbeiten.

Der größte Mythos, der über Freiburg verbreitet wird, ist der, dass es hier deshalb so ruhig sei, weil es nur eine Zeitung ("Badische Zeitung", d. Red.) gibt. Wenn Sie aber mit dieser einen Zeitung Stress haben, ist das unangenehmer, als wenn es drei oder vier geben würde. Und wenn Sie dieses Thema schon anschneiden: Diese Zeitung hat im Jahr des Abstiegs richtig Gas gegeben.

Inwiefern?

Das Übliche, das dann in einer relativ überschaubaren Stadt wie Freiburg läuft: Der Trainer hat zu viel Macht, der Trainer hat den Verein gleichgeschaltet, der Trainer kann mit Stars nicht umgehen - das waren nur einige der Vorwürfe.

Haben Sie später wieder eine Basis zur Zusammenarbeit gefunden?

Ich weiß es nicht. Ich von mir aus bin kooperativ in alle Richtungen. (lacht)

Im neunten Jahr sind Sie nun im Amt und damit dienstältester Bundesligatrainer. Haben Sie in Freiburg Ihr persönliches Paradies gefunden, oder ist auch dieses schöne Bild eine Erfindung der Medien?

Idylle, Paradies: Das ist Unsinn. Ich habe mich nach dem Abstieg gefragt: Warum machst Du Fußball, warum bist Du dabei? Und ich habe festgestellt, dass es für mich mindestens genauso attraktiv ist, mit Freiburg in der höchsten deutschen Spielklasse zu sein und diese zu halten, wie mit einem anderen Klub mit dreifachem Budget in die Champions League zu kommen. Die Branche Bundesliga unterliegt Gesetzmäßigkeiten mit immer mehr Einflussnahme in die Privatsphäre. Hier in Freiburg habe ich einen Vorstand hinter mir, der mich nicht so massiv in diese Dinge hineindrückt. Ich kann hier auch mal Nein zu einem Termin sagen. Denn das Totschlagargument heute lautet doch: Ihr kassiert die Kohle, also müsst ihr auch eure Fresse hinhalten! Wenn ich also nicht um jeden Preis Kohle verdienen will, dann nehme ich mir auch die Freiheit, nein zu sagen. Damit aber kein falsches Bild entsteht: Wenn man in Freiburg sechs, sieben oder acht Jahre in der höchsten oder der zweithöchsten Spielklasse tätig ist, dann leidet man keine Not.

Ein Effenberg, der mehr Kohle verdienen will, muss verbale Attacken der Fans ertragen?

Ich rede hier nicht über andere, aber aus meiner Sicht ist es so, dass derjenige, der mehr für sich beansprucht, auch wissen muss, welche Kompromisse das mit sich bringt. Jedes größere Maß an Kommerzialisierung bringt nun mal auch mehr verpflichtende Termine mit sich.

Könnten Sie denn bei einem Top-Klub, wie etwa bei Hertha BSC, überhaupt erfolgreich sein?

Ich wüsste nicht, was dagegen spräche.

Das mag sich Otto Rehhagel auch gesagt haben, bevor er nach München ging.

Die ganz Mutigen schreiben gerne mal: Der Finke kann nur in Freiburg Erfolg haben. Das halte ich für Quatsch.

Zu den positiven Aspekten dieser Spielzeit gehört beim SC die Entwicklung von Adel Sellimi. Der hat in der Vorsaison ein Tor, nun aber in nur 14 Spielen schon acht Tore geschossen.

Sellimi hat auch in der letzten Saison nicht schlecht gespielt. Nach einer Krise, die er hatte, ist er jetzt auch psychisch wieder stabil und hat nun einfach einen Lauf. In diesem Zusammenhang aber noch etwas zur Presse. Es gab hier eine Zeit, da hat unsere lokale Zeitung unsere Tunesier richtig auf dem Zettel gehabt: Knallerbsen, die keine Leistung bringen, hieß es damals. Das hat natürlich an den Jungs gefressen.

Wenn Sie alles Revue passieren lassen - die aufgeblasene Champions League, den Fall Basler - beschleicht Sie mit Ihren Prinzipien dann nicht das Gefühl, am falschen Ort zu sein?

Ich sehe das gelassen. Jeder sucht sich doch aus, wo er arbeitet. Deshalb nervt mich weder, was in Dortmund noch was in Bayern passiert. Die Anderen machen ihr Ding, wir machen das unsere. Was die Fußballschwemme im TV betrifft: Die Menschen, die den Fernseher einschalten, entscheiden selbst. Wir beide können stundenlang darüber diskutieren, wir können noch so empört sein und von Brot und Spiele reden, wenn die Einschaltquote stimmt, werden wir das nicht ändern.

Wenn die Entwicklung so weiter läuft, bleibt Bundesligafußball für einen Verein wie den SC Freiburg auf Dauer überhaupt bezahlbar?

Das muss man abwarten. Wir profitieren auch von der Entwicklung. Auch wir bekommen in Zukunft mehr TV-Geld. Man sollte sich nicht immer gleich in die Jammer- und Opferposition begeben, sondern die Dinge nehmen, wie sie sind. Ich habe mich zum Beispiel aufrichtig gefreut, dass Dortmund und Bremen im Uefa-Cup bleiben. Das sind wichtige Punkte für die Liga insgesamt, wenn es um die Positionierung in Europa geht. Davon profitieren wir alle.

Wie sehen Sie die Entwicklung in Berlin?

Abwarten, abwarten, abwarten. Was da in drei Jahren bei Hertha passiert ist, ist auf der einen Seite sensationell. Auf der anderen Seite befindet man sich nun in einer Stabilisierungsphase. Bei dem unglaublichen wirtschaftlichen Potenzial, das längst nicht ausgeschöpft ist, sollte hier aber die dritte oder vierte Fußballmacht in Deutschland heranwachsen können, schon wegen der Bedeutung der Stadt Berlin an sich.

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