Sport : Volksheld wider Willen

Janne Holmen setzt Finnlands Langlauftradition fort – am Sonntag in Berlin beim Marathon

Jörg Wenig

Berlin. Als Kind litt er unter Asthma. Ein Arzt empfahl ihm daraufhin mehr Bewegung an der frischen Luft. Janne Holmen befolgte den Rat. Mit zwölf Jahren begann er mit dem Laufsport.

Es war bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in München im August 2002, als sich im Marathon eine Sensation ereignete. Ein international relativ unbekannter finnischer Läufer hatte sich vom Feld abgesetzt und lief im strömenden Regen dem Sieg entgegen: Janne Holmen. Er wurde Europameister. Ausgerechnet in München, wo 30 Jahre zuvor Lasse Viren zweimal Olympia-Gold gewonnen hatte.

Es gibt nur wenige Länder, die im Laufsport derart erfolgreich sind wie Finnland. Die größten Siege liegen freilich schon lange zurück. In den Zwanzigerjahren gewannen die finnischen Läufer bei den Olympischen Spielen 1924 und 1928 sieben von acht möglichen Goldmedaillen über die Langstrecken. Man sprach von den „fliegenden Finnen“. Es war die Zeit des großen Paavo Nurmi, der 22 Weltrekorde aufstellte. Rund 50 Jahre später knüpfte Lasse Viren an die glorreichen Zeiten seiner Landsleute an, als er bei Olympia 1972 und ’76 über 5000 m und 10 000 m gewann. Doch dann kam die Flaute: Zwei Jahrzehnte lang holten finnische Läufer keine Medaille mehr.

„Langstreckenlauf ist eine angesehene Sportart in Finnland, und lange Zeit gab es sehr wenig Erfolge“, sagt Janne Holmen und fügt hinzu: „Jetzt haben wir ein wenig Erfolg.“ Das war stark untertrieben. „Jannes Sieg war die größte Überraschung in der gesamten Geschichte der finnischen Leichtathletik. Auf so etwas haben wir in Finnland gewartet seit den Zeiten von Lasse Viren“, erklärt Holmens Manager Jukka Härkönen.

Wenn am Sonntag der 30. Berlin-Marathon gestartet wird, dann läuft Holmen zum ersten Mal seit der EM wieder über die 42,195 km. Für den Sieg wird er nicht in Frage kommen angesichts der übermächtigen Konkurrenz aus Kenia. Doch es gibt ein realistisches Ziel für den Läufer, der am Freitag 26 Jahre alt wird: den Landesrekord. Der ist inzwischen fast so alt wie Holmen selbst. 1978 war Esa Tikkanen in Boston 2:11:15 Stunden gelaufen. „Janne ist in besserer Form als bei seinem EM-Sieg. Es ist sein Ziel, als erster Finne unter 2:10 Stunden zu laufen“, sagt Härkönen.

Bricht Holmen, dessen Bestzeit seit München bei 2:12:14 Stunden steht, den Rekord am Sonntag, wird das seine Popularität weiter steigern. Nach seinem EM-Triumph wurde er Finnlands Sportler des Jahres. Allerdings mussten die Finnen zur Kenntnis nehmen, dass ihr neuer Sportstar mit der Rolle des Nationalhelden nicht so viel anfangen kann. Das hat wohl auch mit seiner Herkunft zu tun. Holmen kommt von den Åland-Inseln, von denen aus das schwedische Festland näher liegt als das finnische. Dort ist Schwedisch die Muttersprache. Und so studiert Holmen im schwedischen Uppsala Geschichte. Verheiratet ist der Läufer mit einer Marokkanerin, der Schwester des früheren Weltklasseläufers Khalid Skah. Holmen konvertierte sogar zum Islam.

Für die Finnen sind das keine Gründe, ihren neuen Star nicht zu verehren. „Man akzeptiert die Privatsphäre des Sportlers“, erklärt Härkönen. „Janne ist zurückhaltend, Publicity um seine Person mag er nicht.“ Holmen hat auch nichts gegen Finnland. Doch er steht auf dem Standpunkt, die Nationalität sei zweitrangig. Dabei liefen schon seine Eltern für Finnland: Mutter Nina war 1974 Europameisterin über 3000 m, sein Vater Rune, der heute auch sein Trainer ist, wurde bei der WM 1971 Zwölfter über 5000 m.

Neulich haben die Åland-Inseln eine neue Briefmarke herausgegeben. Sie zeigt einen Läufer im finnischen Trikot: Janne Holmen – bei seinem Lauf zum Gold in München.

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