Sport : Voll auf die Zwölf

Bundestrainerin Silvia Neid will nach dem EM-Titel auch die Weltspitze angreifen – die Entwicklung der Bundesliga stagniert hingegen.

Gregor Derichs
Ein Fall für zwei. Torwärtin Nadine Angerer (l.) und Bundestrainerin Silvia Neid feiern auf dem Frankfurter Römer den Gewinn des EM-Titels – die WM 2015 bereits im Blick. Foto: dpa Foto: dpa
Ein Fall für zwei. Torwärtin Nadine Angerer (l.) und Bundestrainerin Silvia Neid feiern auf dem Frankfurter Römer den Gewinn des...Foto: dpa

Frankfurt am Main - Die Vorbereitung für den achten Europameister-Triumph war recht ungewöhnlich. „Spaziergang mit Ball“ hieß vor genau einer Woche die Maßnahme, die Bundestrainerin Silvia Neid einige Stunden vor dem EM-Finale auf den Tagesplan setzte. Also schlenderten 23 deutsche Nationalspielerinnen durch den Park in Solna und kickten dabei einen Ball geschickt über Wiesen und Wege, durch Bäume und über Hecken und Beete. So brachten sich die DFB-Frauen bei der Europameisterschaft in Schweden mit Lockerheit am Ball auf Betriebstemperatur für das Finale am Abend. Eine vergleichbare Aktion am Spieltag heißt bei Joachim Löws Männern „Anschwitzen“, doch dies ähnelt schon eher einer gängigen Trainingseinheit als einem Spaziergang.

Neid, die nach der EM 2005 zur Bundestrainerin befördert wurde, hat ihre eigenen Methoden. So gemächlich wie beim Ball-Spazieren geht es selten zu. Nach dem Scheitern im Viertelfinale bei der WM 2011 als hoher Turnierfavorit, das den DFB regelrecht schockte, wurde an den Trainingsinhalten viel modifiziert, um eine flexiblere Spielweise in höherem Tempo zu erreichen.

Denn Neid hat anspruchsvolle Ziele. In ihre Vertragszeit bis 2016 fallen noch zwei große Turniere. An zehn Titelgewinnen der DFB-Frauen war die 49-Jährige beteiligt (acht EM-/zwei WM-Titel) – als Spielerin (3), als Assistentin von Tina Theune-Meyer (4) und als Bundestrainerin (3). Das Dutzend voll zu machen, wäre ihr Traum. Der Zyklus für die nächsten Erfolge bei der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada und den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro beginnt am 21. September. Dann findet das erste WM-Qualifikationsspiel gegen Russland in Cottbus statt. Weitere Gegner bis zum 17. September 2014 in Hin- und Rückspiel sind Slowenien, die Slowakei, Kroatien und Irland.

Dass sich der achtmalige Europameister für die WM qualifiziert, gilt beim DFB als ausgemacht. Auch das Olympia-Ziel ist gesteckt: In drei Jahren muss vom Frauen-Team nach zweimal Bronze wieder eine Medaille gewonnen werden. So steht es in der Zielvereinbarung des Deutschen Olympischen Sportbunds mit den Fachverbänden. Damit wird den Frauen mehr abverlangt als den Männern. Mit der Prognose, dass Neids Team um Olympia-Medaillen kämpfen soll, ist eine anspruchsvolle Forderung für die WM 2015 verknüpft. In Kanada müssen die DFB-Frauen dafür wohl in das Halbfinale einziehen.

Dass das Viertelfinale für die Olympia-Qualifikation nicht reicht, zeigte sich beim WM-Desaster vor zwei Jahren. „Wir haben eine junge Mannschaft mit viel Potenzial“, sagt Neid. Nachdem bei der EM die schwierige Anfangsphase mit großem Lampenfieber der Talente überstanden wurde, hoffen Optimisten im Umfeld der Mannschaft, dass in Zukunft sogar der Weltranglisten-Erste und dreimalige Olympiasieger USA attackiert werden kann. Dass beim sechsten EM-Gewinn in Serie der Ausfall einer halben Stammelf kompensiert werden konnte, stimmt nicht nur Neid zuversichtlich.

Nachdem im Zuge der EM-Enttäuschung vor zwei Jahren zunächst Topspielerinnen wie Birgit Prinz, Inka Grings und Kerstin Garefrekes zurückgetreten waren, baute sie ein neues Team auf. Aber dann brachen ab März aus dieser Elf wegen Verletzungen sechs Stützen weg wie die Weltmeisterinnen Babett Peter und Linda Bresonik sowie Europameisterin Kim Kulig. „Wir mussten Juniorinnen ins kalte Wasser werfen und sie sind gut geschwommen“, sagte Neid, als das Team am Montag auf dem Frankfurter Römer von tausenden Fans bejubelt wurde.

Neid, die die neuen Kräfte nicht behutsam in vielen Testspielen einbauen konnte, machte aus der Not eine Tugend und forcierte den erzwungenen Umbruch, indem sie auch noch auf die Welt- und Europameisterinnen Melanie Behringer und Fatmire Bajramaj weitgehend verzichtete. Dass sich die DFB-Frauen vor allem mit Kampf- und Teamgeist durchsetzten und nur gegen Island (3:0) eine spielerische Dominanz wie früher an den Tag legten, kann sich bald wieder ändern. Mit der Rückkehr der verletzten Spielerinnen sollten die Qualität und der interne Konkurrenzdruck steigen.

Dass durch die Bundesliga das Niveau der Nationalelf verbessert werden kann, bezweifeln viele Beobachter. Sie dümpelt seit der WM 2011 weitgehend unverändert vor sich hin. Der Zuschauerschnitt liegt unter 1000, ein erfolgreicher Verein wie Duisburg schlitterte an der Insolvenz vorbei, Bad Neuenahr musste zum Saisonende aufgeben. Die Männervereine, die in den Frauenbereich drängten, betreiben die Sache meist nur halbherzig. Der Hamburger SV gab auf. Der FC Bayern und Leverkusen wissen offenbar nicht genau, ob sie wirklich Topsport wollen. Allein der VfL Wolfsburg forciert den Ausbau. Die Gelegenheit, die verwässerte Liga von zwölf auf zehn Mannschaften zu reduzieren, wurde verpasst. Damit die Nationalmannschaft profitiert, müsste die Bundesliga ihren Standard deutlich erhöhen. Gregor Derichs

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