Sport : Volle Deckung!

Unzählige Fans feierten in der Türkei, und wer zu Hause blieb, hatte gute Überlebenschancen

Thomas Seibert[Istanbul]

In der Pause ging es vor allem noch um die Ehre. Es stand 1:0 für die Tschechen, kaum jemand im türkischen Team glaubte noch so richtig an einen Sieg, es ging darum, dem eigenen Land keine Schande zu machen und mit Anstand zu verlieren. „Lasst uns wenigstens gut spielen, wenn wir schon verlieren“, das schworen sich die türkischen Spieler. So soll es gewesen sein, so erzählte es Jungstar Arda Turan den türkischen Zeitungen. „Wenn wir schon das Viertelfinale verpassen, wollen wir uns mit Kampf den Applaus verdienen“, habe die Parole gelautet.

Applaus haben sich die Türken wirklich verdient, mächtig viel Applaus, aber wegen ihres Sieges. Wegen des fulminanten 3:2 gegen die Tschechen. „Verrückte Türken“ gehörte am Montag zu den am häufigsten gebrauchten Begriffen in den türkischen Zeitungen. Der Begriff war durchaus hochachtungsvoll gemeint: Ein gleichnamiger Roman und Millionen-Bestseller verklärt die Geschichte des türkischen Befreiungskrieges, in dem die hoffnungslos unterlegenen Türken die Grundlagen für die Gründung der Republik im Jahr 1923 legten.

„Alle sagten: ,Die Sache ist gegessen‘“, kommentierte die Zeitung „Sabah“ die denkwürdige Aufholjagd. „Doch in einer Phase, in der die Tschechen schon begannen, auf Zeit zu spielen, sagten die ,Verrückten Türken‘: ,Nichts ist vorbei.‘ Mit seinen Toren in der Schlussphase wurde Nihat zu einem Kapitän, der sein Schiff rettete und 70 Millionen Menschen auf die Straßen brachte.“

Überhaupt spielt die kriegerische Geschichte der Türken eine wichtige Rolle bei der Betrachtung der EM in den Medien: „Die Türken stehen wieder vor Wien“, überschrieb ein Blatt am Montag seinen Bericht über das Spiel. Dass so viele historische Vergleiche bemüht werden, liegt nicht zuletzt daran, dass eine EM-Viertelfinalteilnahme für die Türkei nicht selbstverständlich ist. Nur im Jahr 2000 war das Land schon mal so weit gekommen; damals unterlagen die Türken den Portugiesen 0:2.

Aber die Geräuschkulisse in Wohnzimmern, Bars und Kneipen in der letzten Viertelstunde der Begegnung ließ keinen Zweifel daran, dass die Türken dabei waren, doch noch ins Viertelfinale einzuziehen. Nach dem Schlusspfiff versammelten sich hunderttausende Menschen auf den Plätzen der Städte und feierten mit Fahnen, Autokorsos und Feuerwerken.

Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, gaben viele Fans auch Freudenschüsse aus scharfen Waffen in die Luft ab – im südtürkischen Adana wurden ein 68-Jähriger und ein Teenager verletzt. Dass es nicht noch schlimmer kam, lag wohl daran, dass viele Bewohner von Adana nach dem Spiel zu Hause geblieben waren. Die Polizei zählte Einschusslöcher in zahlreichen Hauswänden.

Selbst im Jubel wurde aber auch sichtbar, dass bei den Türken nicht alles eitel Sonnenschein ist. Der verletzte Mittelfeldspieler Emre Belözoglu saß zwar nur auf der Bank, schaffte es am Montag aber trotzdem auf die Titelseiten einiger Zeitungen, weil er die im Stadion anwesenden türkischen Sportjournalisten beleidigte. Belözoglu protestierte damit gegen harte Kritik. Denn besonders nach der Niederlage gegen Portugal war die Presse hart mit dem Team und Trainer Fatih Terim ins Gericht gegangen.

Die Skepsis war auch am Montag trotz allem noch spürbar. „Glauben Sie nicht, dass wir die Fehler von Terim vergessen haben“, schrieb die Zeitung „Vatan“. „Über die Taktik wird noch viel zu sprechen sein. Aber lassen wir das jetzt. Glückwunsch, Kinder, Glückwunsch, Meister Fatih.“

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