Sport : Volle Deckung

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Von Susanne Güsten

Istanbul. Als in Japan das entscheidende Tor fiel, warfen sich in der Türkei viele Menschen erst einmal flach auf den Boden. „Volle Deckung“ hieß die Devise in den ersten Minuten nach dem Golden Goal gegen Senegal, als im ganzen Land die Schüsse durch die Gassen pfiffen. Weil längst nicht alle Fans so besonnen waren, gab es wieder einmal Dutzende Verletzte zu beklagen. Ein 18-jähriges Mädchen im nordtürkischen Trabzon etwa traf es auf dem Balkon ihres Elternhauses, wo sie fahnenschwenkend den Sieg der türkischen Elf bejubelte: Ein Schuss aus der feiernden Menge auf der Straße durchschlug ihr linkes Bein. Der Schütze feierte wohl ahnungslos weiter, während die junge Frau ins Krankenhaus eingeliefert wurde, denn er konnte nicht ermittelt werden: Zu viele begeisterte Fans ballerten auf der Straße herum – in Trabzon wie auch anderswo in der Türkei.

„Nicht schießen, Landsleute, nicht schießen!“ – so bettelt der Polizeichef von Istanbul nach wichtigen Fußballspielen immer auf allen Kanälen des türkischen Fernsehens. Der Appell nützt wenig: Die türkische Unsitte, zu freudigen Anlässen aus scharfen Waffen in die Luft zu feuern, ist den Fans einfach nicht auszutreiben. Auch der Aufruf zur Vernunft, den der türkische Innenminister Rüstü Kazim Yücelen unmittelbar nach dem WM-Viertelfinalsieg im Fernsehen an die Bevölkerung richtete, trug nur begrenzte Früchte. Immerhin wurde diesmal noch niemand tödlich getroffen, was schon einen Fortschritt darstellt: Beim Uefa-Cup-Sieg von Galatasaray Istanbul vor zwei Jahren wurde ein Baby in seinem Bettchen von einem Querschläger erschossen; auch ein Gymnasiast starb damals an einem versehentlichen Kopfschuss.

Dabei dürften die allermeisten Fans eigentlich überhaupt keine Waffen haben, wenn es nach dem Gesetz ginge: Nur 300 000 Türken haben einen Waffenschein; das ist kaum ein halbes Prozent der Bevölkerung. Trotzdem läuft jeder, der etwas auf sich hält, mit einer Pistole im Hüfthalfter herum – und zückt sie bei Bedarf auch. „Unser Volk hat von Alters her ein enges Verhältnis zu Waffen“, sagt Güzin Tari von der Stiftung Hoffnung, die eine Kampagne zur Entwaffnung der Bevölkerung initiiert hat. Die Stiftung hat noch viel zu tun: Die Zahl der illegalen Pistolen in der Türkei wird auf fünf Millionen geschätzt. So normal ist das Waffentragen, dass Supermärkte und Restaurants mit Metalldetektoren ausgestattet sind. An einigen türkischen Flughäfen gibt es bei der Gepäck-Ausgabe einen Stand, an dem Passagiere nach dem Flug ihre Schießeisen wieder abholen können.

„Hier zu Lande glaubt mancher, erst durch das Schießeisen an der Lende zum Mann zu werden“, sagt Tari. Der Waffenwahn ist eng mit dem traditionellen Ehrbegriff verknüpft, der die Blutrache auf dem anatolischen Land bis heute lebendig hält.

Zur Entwaffnung der Türken ist deshalb mehr nötig als ein Appell im Fernsehen, doch bisher fehlt der politische Wille. Selbst im Parlament greifen Abgeordnete mitunter zur Pistole, und ein Vizegouverneur wurde unlängst dabei abgelichtet, wie er bei einer Hochzeit ein Schnellfeuergewehr leerte. Die Vernunft beginnt sich aber von unten durchzusetzen: Ein großer Clan im Südosten der Türkei beschloss jetzt, mit den Freudenschießereien bei Hochzeiten Schluss zu machen, die schon zu viele Stammesangehörige das Leben gekostet haben. Bei Hochzeiten des Abdiyan-Clans soll künftig darum gebeten werden, ohne Waffe zu erscheinen. Der Clan will damit ein gutes Beispiel geben - dem wohl auch die Fußballklubs folgen sollten.

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