Sport : Volle Kraft dagegen

Von Südafrika nach Australien – die zweite Etappe des Volvo Ocean Race wird ein Härtetest für Mensch und Material

Kai Müller

Berlin - Es ist ein tückisches Manöver. Seeleute fürchten es. Denn es gibt bei jeder Halse einen kurzen Moment voller Zweifel und Ungeduld, in dem das Schiff sich den Händen seiner Mannschaft entzieht: „Wenn man in der Mitte stecken bleibt, ist das ziemlich angsteinflößend“, sagt Skipper Mike Sanderson und meint den Augenblick, da der Wind direkt von hinten kommt und die Segel zögern, zu welcher Seite sie ausschlagen sollen. Seit Jahrhunderten sind Matrosen deshalb auf das Kommando des Rudergängers trainiert. Dessen Ruf „rund achtern!“ lässt sie den Stoß erwarten, den die plötzlich überkommenden Segel dem Rumpf versetzen. Das Tuch bläht sich mit einem Knall und lässt das Gefährt umso schneller durchs Wasser pflügen.

Bislang musste man dabei nach oben schauen, die Segel beobachten. Nun, mit der neuen Generation der Volvo-Ocean- Racer, kommt noch ein Gespür dafür hinzu, was sich unterhalb des Rumpfes tut. Dort nämlich schwenkt auf Knopfdruck gleichzeitig eine 4,5 Tonnen schwere Bleibombe von der einen zur anderen Seite. Diese Gewichtsverlagerung kann verheerende Folgen haben. Sie verschiebt den Schwerpunkt des Bootes, bevor der Wind als Gegenkraft wirken kann. „Whipe out“ oder „Sonnenschuss“ nennen Segler denn auch den Augenblick, da die instabile Yacht unter dem Anprall einer Bö quer schlägt und wie ein zappelnder Käfer, der auf den Rücken gefallen ist, sich windet und müht, wieder hochzukommen.

Sandersons Crew auf der ABN Amro One leistete sich während des so genannten „Inshore Race“ vor der Kulisse Kapstadts bei der ersten Etappe des härtesten Rennens auf dem Meer am zweiten Weihnachtstag keine Unachtsamkeit. Sicher kurvten die elf Männer über den 24 Meilen langen Dreiecksparcours. Bei bis zu acht Windstärken stahl sich die niederländische Yacht, die im Gesamtklassement auf Rang eins liegt, mit 40 Stundenkilometern den Kontrahenten davon. Und bewies, dass sie für die am 2. Januar unter dem Tafelberg startende zweite Etappe des Volvo Ocean Race nach Melbourne bestens gerüstet ist.

Der lange Weg nach Australien wird die sieben Teams bis Mitte Januar nämlich vor allem zu Halsen zwingen, und zwar bei viel Wind. So durchqueren sie auf den 6100 Meilen das Südpolarmeer, wo die Proficrews nach Auskunft eines Veterans „brutale Gewalt“ erwartet. Denn nicht nur wird die physische Belastbarkeit von Menschen und Ausrüstung durch Wellen strapaziert, die um den halben Globus rollen. In den für ihre Stürme berüchtigten südlichen Breitengraden wird sich erweisen, ob die Volvo Open 70’s mit ihrer anfälligen Neigekiel-Technik den „brüllenden Vierzigern“ und „wütenden Fünfzigern“ gewachsen sind. Nie zuvor haben Renn-Yachten dieses Zuschnitts sich einer solchen Probe gestellt. Kleinere Typen wie die in der Einhandszene beliebten Open 60’s haben zwar den Weg für endlose Surffahrten mit über 30 Knoten geebnet. Doch hat das vergangene Vendée-Globe-Rennen erneut gezeigt, dass die maritimen Rekordjäger mehr mit den Tücken der Technik kämpfen als mit den Naturgewalten.

„Es ist offensichtlich, dass wir Schwierigkeiten haben“, sagte Paul Cayard und versuchte nach seinem enttäuschenden fünften Platz bei der Kurzbahnregatta den Umstand zu erklären, dass seine Pirates of the Caribbean bei jeder Runde aus dem Ruder lief. Auf dem Disney-Boot, das bei der ersten Etappe wegen eines Kielschadens ausgefallen war und in der Gesamtwertung Letzter ist, machte sich die fehlende Praxis bemerkbar. „Wir schaffen es einfach nicht, das Großsegel auf die andere Seite zu bekommen, während der Kiel durchschwenkt. Das Boot wird immer instabiler. Wir machen definitiv etwas falsch.“ Auch die nur einen Punkt bessere Movistar aus Spanien hätte beinahe ihren Mast verloren, als es sie in einer Halse böse erwischte. Der Zwischenfall ging glimpflich aus. Am Ende belegte die spanische Yacht, für die der nachweihnachtliche Wettkampf nach der desaströsen Auftaktetappe ein erster Test war, den zweiten Platz.

Auf dem offenen Ozean lassen sich solche Fehler bei wachsender Müdigkeit und bitterer Kälte nicht ausbügeln. Das mag der Grund sein, warum die auf Rang zwei segelnde Brasil 1 ihre ohnehin starke Crew noch einmal aufgestockt hat. So trennte sich Skipper Torben Grael von seiner Navigatorin Adrienne Cahalan, der bis dahin einzigen Frau im Teilnehmerfeld. Das einziges Manko der erfahrenen Anwältin und Meteorologin, die den Globus häufiger umrundet hat als Olympia-Legende Grael: Sie konnte Trimmer Marcelo Ferreira, der auf der ersten Etappe „wegen medizinischer Probleme“ ausgefallen war, an Deck nicht ersetzen. Nun wird die Mannschaft durch einen physisch robusteren Kollegen verstärkt.

Derweil hat der einzige deutsche Teilnehmer, Tony Kolb, das Ericsson Racing Team verlassen. Der 29 Jahre alte Vater von zwei Kindern sagte, dass ihn Vorsicht getrieben habe. Ericsson musste ebenfalls eine Kielhavarie überstehen. Die Reparatur aber sei „nicht ausreichend“, monierte Kolb, der das vergangene Volvo Ocean Race an Bord der Illbruck gewonnen hat und erst im August zu den Schweden gestoßen war.

Umbesetzungen hat es auch bei früheren Austragungen des Traditionsrennens, das Mitte nächsten Jahres nach der neunten Etappe in der Ostsee beendet sein wird, gegeben. Doch scheint sich mit der neuen Bootsgeneration das Rotationsprinzip durchzusetzen. Die Arbeitskräfte verschleißen sich schneller. Im Online-Magazin der „Yacht“ spricht ein Mediziner mit Blick auf die extremen Bedingungen an Bord gar von „Trauma“. Wo die sportliche Herausforderung aufhört, fängt das Abenteuer an.

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