Sport : Volle Pulle

Hertha BSC in der Krise: Stevens lässt hart trainieren, die Spieler wehren sich gegen Kritik

André Görke

Berlin. Die Qual beginnt am Morgen. Es ist 10.12 Uhr, die Fußballprofis von Hertha BSC betreten den Trainingsplatz. Sie tragen ihr Arbeitsgerät in der Hand, den Ball, darauf steht die Rückennummer, „13“ etwa für Fredi Bobic. Von dort an aber, wo der Rasen beginnt, müssen sie den Ball ablegen. „Auf dem Fußballplatz wird Fußball gespielt, nicht Handball!“ Das hat Stevens den Spielern am ersten Arbeitstag klargemacht, vor 15 Monaten war das.

Es ist also 10.12 Uhr an diesem Morgen, die Bälle werden ordnungsgemäß am Fuß geführt, aber gespielt wird nicht. Stevens steht am anderen Ende des Platzes, er winkt, und dann wird auch dem Letzten klar: Es wird anstrengend. Stevens steht neben Slalomstangen, Hürden und Hütchen. Zirkeltraining.

So etwas in der Art hatte Hertha ja angekündigt am Tag nach der 2:3-Niederlage gegen Hannover. Manager Dieter Hoeneß warnte, dass er „ganz genau“ hingucken werde, ob jetzt jeder mitziehen werde. „Wenn nicht, dann fliegen die Fetzen.“ Doch der Manager ist nicht in Sicht, seine Videokamera, die am Pfosten des Hintertornetzes befestigt ist, bleibt starr. Kein Surren, keine Bewegung. Hoeneß bedient also nicht den Joystick, damit ihm die Kamera die aktuellen Bilder ins Büro spielt. Dafür hat die „BZ“ den „Trainings-Inspektor“ geschickt, der sich auf der Bank lümmelt und jede Bewegung aufschreibt. „Pfff, Inspektor!“ mault Bobic, als er den Platz betritt. „Ich lach mich kaputt.“

Viel mehr aber lacht Bobic nicht am Morgen. Eine Stunde schuftete er schon mit den Kollegen im Kraftraum, da warteten bereits Stevens und die Slalomstangen. „Los, Jongens“, ruft dieser mit niederländischem Akzent. „Volle Pulle!“ Dann sprinten die Spieler über Hütchen, schlängeln sich durch die Stangen und schießen aufs Tor. Mal mit dem starken, mal mit dem schwachen Fuß, aber immer in hohem Tempo. Die Stimmung ist gelassen, nicht verkrampft. Als Bobic mal ein Hütchen beim Sprinten umrennt, lachen die Spieler, auch Stevens. „Ich muss nicht schimpfen“, sagt er. „Da werden die noch unsicherer.“ Geschimpft hat er dann aber doch, auch wenn er das bisher nicht zugab. Nach dem Spiel sei der Trainer „sehr, sehr laut“ gewesen, wird Marko Rehmer später erzählen.

Auch wenn die Spieler lachen, Andreas Neuendorf die Kollegen auf den Arm nimmt, plötzlich ist da wieder so eine Szene: Niko Kovac hüpft über ein, zwei, drei, vier Hürden, dann soll er wenige Meter sprinten. „Stopp!“, ruft Stevens plötzlich, nimmt Kovac zur Seite und erklärt: Über die Hürden solle er mit angewinkelten Beinen springen, nach der letzten aber nur mit einem Bein landen, mit dem anderen sofort in den Sprint übergehen.

Vielleicht passt Stevens’ Kritik ganz gut zu dem, was sich nach dem Training vor der Kabine abspielen wird. Kovac stand in den letzten Tagen arg in der Kritik. Wegen seiner Ballverluste im Aufbauspiel, der fehlenden Verstärkung im Mittelfeld. Kovac kam vom FC Bayern, er soll die Jungen führen. Aber jetzt, da es nicht gut läuft, „wehre ich mich, überall und für alles vor den Wagen gespannt zu werden“, sagt Kovac. „Wir sind ein Team!“ Er selbst sei „auch nicht zufrieden. Ich muss erst meinen Rhythmus finden.“ Fünf Spiele, drei Punkte, das sei „ein katastrophales Zwischenfazit“, die Mannschaft aber sei intakt. Über andere Meinungen regt sich auch Neuendorf auf, „das stimmt halt nicht“. So geht das eine Weile, Bart Goor sagt etwas, auch Josip Simunic, dann verschwinden sie in der Kabine, um Kräfte zu sparen.

Der „BZ“-Inspektor notiert in seinen Notizblock: „Das Training war so hart wie nie.“

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