Sport : Volleyball: Alles nur Zufall

Helen Ruwald

Drei Tage hatte Ian Taylor Zeit. Drei Tage im September, um seine Koffer zu packen, sich einen Berlin-Reiseführer, ein Wörterbuch und ein Flugticket zu kaufen und sich von seiner Familie in Winnipeg zu verabschieden. Drei Tage vergingen vom Anruf seines Agenten, dass der Volleyballbundesligist SC Charlottenburg (SCC) Interesse an ihm habe, und dem Moment, wo der kanadische Nationalspieler ins Flugzeug stieg. Bereits im Juli hatte der Lehramtsstudent einen Berater beauftragt, ihm einen Verein in Europa zu suchen. "An der Universität von Winnipeg durfte ich nur fünf Jahre spielen, in dieser Saison hätte ich mich irgendwie ohne Team fithalten müssen", erzählt der 23-Jährige. Doch ohne Spielpraxis wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Nationalmannschaft geflogen.

Taylor lehnte ein Angebot aus der Türkei ab, weil ihm, der noch nie zuvor in Europa war, ein Leben dort als zu schwierig erschien. Schon in Berlin ist die Umstellung so klein nicht, ein bisschen vermisst er seine beschauliche Heimatstadt und Läden, die 24 Stunden offen sind. Schon das Lesen von deutschen Speisekarten wird hier zum Abenteuer.

Während Taylor im September auf weitere Offerten hoffte, machte sich der SCC auf die Suche nach einem weiteren Annahmespezialisten. Gabriel Krüger und Sven Glinker hatten Verletzungsprobleme, "auf einer markanten Postion stand hinter zwei Spielern ein Fragezeichen", erklärt SCC-Manager Kaweh Niroomand, warum er Handlungsbearf sah. Trainer Brian Watson knüpfte die Kontakte in seine kanadische Heimat, Taylor kam zum Probetraining - und blieb.

Bisher hat Vizemeister SCC ausschließlich auf deutsche Spieler gesetzt, um die Nationalmannschaft zu stärken. Der größte Konkurrent, der VfB Friedrichshafen, baut hingegen auf ein Ensemble ausländischer Stars - und ließ dem SCC in den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft im April keine Chance. Ist Taylors Verpflichtung eineAbkehr vom bisherigen Modell, eine Reaktion auf die deutliche Unterlegenheit der Berliner im Finale? Hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Friedrichshafen ohne ausländische Stars nicht Paroli zu bieten ist? Keineswegs, sagt Niroomand. Schon deshalb, weil "Taylor nicht der große, spektakuläre Zugang ist. Den hätten wir gar nicht finanzieren können." Nach dem Ausstieg von Hauptsponsor Germania war erst im September klar, dass ein weiterer Spieler überhaupt finanzierbar sein würde. "Da war die Wechselfrist in Deutschland längst vorbei", sagt Niroomand. Dass ein Ausländer geholt wurde, ist also mehr Zufall als Taktik.

Kein Star, sondern ein Kämpfer und Arbeiter ist Ian Taylor. Bisher waren seine Leistungen durchwachsen in einer Liga, an deren hohes Niveau er sich nach fünf Jahren College-Volleyball erst gewöhnen muss. Letzte Woche gegen Mendig zeigte er seine bisher beste Leistung, an die er heute im Lokalderby gegen den SC Eintracht Berlin (15 Uhr, Sömmeringhalle) anknüpfen möchte.

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