• Volleyball-Bundestrainer Andrea Giani: "Ich bin enttäuscht darüber, was Kaweh Niroomand gesagt hat"

Volleyball-Bundestrainer Andrea Giani : "Ich bin enttäuscht darüber, was Kaweh Niroomand gesagt hat"

Volleyball-Bundestrainer Andrea Giani verrät, wie er Deutschland nach vorne bringen will und was es mit dem Streit mit den Volleys auf sich hat.

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Andrea Giani hat Ärger mit Volleys-Manager Niroomand. Foto: dpa
Andrea Giani hat Ärger mit Volleys-Manager Niroomand.Foto: dpa

Herr Giani, in Italien gehört Volleyball nach Fußball zu den populärsten Sportarten und Sie waren einer der besten Volleyballspieler überhaupt. In Deutschland ist das öffentliche Interesse viel geringer und Sie sind außerhalb der Szene fast unbekannt. War das ein Kulturschock für Sie?

Nein, ich fühle mich hier sehr wohl. In Italien ist die Sportart natürlich viel professioneller, aber die Infrastruktur und die Organisation, die ich in Deutschland vorgefunden habe, ist exzellent. Hier herrscht eine ganz andere Arbeitsweise als in Italien. Wenn wir heute ein Konzept erarbeiten, wird ab morgen damit gearbeitet. In Italien dauert das viel länger.

Warum haben Sie Ihren Job als Nationaltrainer des EM-Zweiten Slowenien aufgegeben und sind Bundestrainer geworden?

Ich hatte zwar die Möglichkeit, in Slowenien zu verlängern, habe mich aber für Deutschland entschieden. Das ist so ein großes Land mit ganz viel Potenzial – personell und infrastrukturell. Für mich ging es dabei vor allem um meine eigene Weiterentwicklung. Als Trainer kann ich bei dieser Aufgabe sehr viel lernen.

Und das können Sie in Italien nicht?

Ich fange nach dem Sommer mit der Nationalmannschaft ja auch als Vereinstrainer bei Mailand an. Die zwei sehr erfolgreichen Jahre in Slowenien haben mir aber bewusst gemacht, dass ich auch raus muss aus Italien, wo ich meine gesamte Spielerkarriere verbracht habe. Man muss Neues kennenlernen. Die Anforderungen an einen Trainer sind viel komplexer als bei Spielern. Deshalb ist jede Erfahrung wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern.

Nun mussten Sie schon die erste Kritik einstecken – von den BR Volleys bezüglich Ruben Schott. Wie kam seine Verpflichtung zu Ihrem Klub in Mailand zu Stande?

Rubens Berater hat mir eine E-Mail geschrieben und mir Ruben angeboten. Das ist ganz normal, denke ich. Dann habe ich meinen Manager in Mailand angerufen und habe ihn mit Rubens Berater zusammengebracht. Am Ende der Saison standen dann Ruben mehrere Optionen zur Wahl: Mailand, Polen oder Frankreich. Ruben wollte aus der Bundesliga raus, um in einer anderen Liga zu lernen. Am Ende wählt der Spieler seinen Weg selbst. Ich habe vor Berlin und Manager  Kaweh Niroomand nichts zu verbergen. Ich habe nichts Verstecktes gemacht.

Was sagen Sie zu den Anschuldigungen der Volleys, Sie hätten ihre Position als Bundestrainer bei der Verpflichtung ausgenutzt? Und wie empfinden Sie Niroomands Aussage, er werde sie das nächste Mal aus der Max-Schmeling-Halle rausschmeißen?

Ich bin enttäuscht darüber, was Kaweh gesagt hat. Ich verstehe aber auch, warum er wütend ist, weil Ruben wichtig für Berlin ist. Ich habe Kaweh in den vergangenen drei Monaten dreimal gesprochen. Da war alles sehr ruhig. Daher ist es jetzt seltsam, diese Worte von ihm zu hören. Ich hoffe, dass wir uns treffen werden und dieses Thema aus der Welt schaffen können.

Aufgrund Ihrer Erfolge als Spieler sind die Erwartungen stets sehr groß, wenn Sie eine neue Aufgabe angehen. Belastet Sie das?

Irgendwann denkt man gar nicht mehr daran. Das gehört für mich einfach dazu. Viele Leute verstehen nicht, dass man nicht automatisch ein guter Trainer wird, nur weil man mal ein guter Spieler war. Die beiden Aufgaben haben nicht viel gemeinsam. Als Trainer hast du viel mehr Verantwortung und musst den Sport in all seinen Facetten verstehen. Viele Trainer bei Topklubs sind in meinem Alter, arbeiten aber schon seit 30 Jahren als Trainer. Ich erst seit zehn. Das ist für mich eine große Herausforderung, die mir viel Spaß macht.

Was ist für Sie wichtiger: die anstehende WM-Qualifikation in Frankreich oder die EM im August in Polen?

Beides sind wichtige Turniere. Für die WM müssen wir uns aber auf jeden Fall qualifizieren. Und die EM ist ja noch etwas entfernt, da müssen wir dann mal gucken. Aber wenn wir eine echte Mannschaft werden, gehören wir zu den sieben, acht Teams, die das Potenzial haben, ganz oben mitzuspielen. Wir müssen aber zweigleisig arbeiten. Einerseits geht es um kurzfristige Erfolge, andererseits müssen wir die Basis für eine langfristige Entwicklung der Mannschaft  legen.

Einige Spieler fehlen verletzungsbedingt oder auf eigenen Wunsch. Ist der Kader trotzdem auf allen Positionen gut besetzt?

Ja, es hat mich sehr überrascht, wie viele gute junge Talente es auf allen Positionen gibt. Wir müssen ihnen nur die Möglichkeit bieten, sich nach der U 21 weiterzuentwickeln. Es macht doch auch keinen Sinn, sich darüber zu beschweren, wer fehlt. Was soll ich einem Spieler denn sagen, wenn er den Sommer für das Studium oder die Familie braucht? Ich kann niemanden zwingen und ich verstehe das ja auch. Das ist eine andere Herangehensweise als in Italien. Da setzen die meisten jungen Spieler alles auf den Sport. Hier kommt das Studium oder die Arbeit an erster Stelle und dann erst Volleyball.

Mit Georg Grozer und Jochen Schöps sind zwei  Leistungsträger zurück im Nationalteam. Wie schätzen Sie das Potenzial der Mannschaft ein?

Deutschland hatte schon vorher eine sehr gute Nationalmannschaft. Sie sind 2014 schließlich WM-Dritter geworden. Bisher hat die Kontinuität der Ergebnisse gefehlt, und daran wollen wir arbeiten. Ich bin sehr froh, dass so wichtige Spieler wieder zurück sind. Entscheidend ist, ein gutes Projekt zu haben, mit dem sich die Spieler identifizieren können.

Und wie würden Sie Ihren Stil als Trainer beschreiben?

Mir ist sehr wichtig, dass die Regeln befolgt werden. Ich spreche dabei aber nicht von militärischer Disziplin. Wenn die Spieler abends mal ein Bier trinken wollen oder ihre Familien sie im Trainingslager besuchen, habe ich damit  kein Problem. Wenn die Jungs das Trikot oder den Trainingsanzug tragen, müssen sie sich aber bewusst sein, dass sie Deutschland und damit mehr als 80 Millionen Menschen repräsentieren. Das ist ein Grund für Stolz, aber auch eine große Verantwortung – das gilt für mich genauso. Außerdem ist die Kommunikation entscheidend.

Sie sprechen noch kein Deutsch. Wie läuft die Kommunikation mit den Spielern?

Auf Englisch. Das ist gar kein Problem. Die Volleyball-Fachsprache ist relativ einfach und ich meine damit  nicht nur die Kommunikation zwischen Trainer und Spielern. Viel wichtiger ist doch, dass die Spieler untereinander viel miteinander reden. Von draußen kann ich während des Spiels nur wenig bewirken. Wenn es da Probleme gibt, müssen die Spieler diese lösen – und das geht nur gemeinsam.

Wie sieht Ihre Spielphilosophie aus?

Sehr offensiv. Die wichtigsten Spieler im Volleyball sind die Angreifer.

Sie haben in Ihrer aktiven Karriere auf fast allen Positionen gespielt. Hilft Ihnen diese Vielseitigkeit als Trainer?

Die hilft mir natürlich enorm. Ich kann mich sehr gut in die Spieler hineinversetzen und versuche, ihnen meine Erfahrung weiterzugeben. Alle Spieler nutzen die gleichen Basics: Sie nehmen an, sie blocken, sie schlagen auf, sie schmettern, sie verteidigen. Niemand kann alles gleich gut. Meine Aufgabe ist es, den Spielern klar zu machen, dass sie auf bestimmten Positionen spielen können, auch wenn sie bei einem der Basics vielleicht gerade Defizite haben.

Sie haben sich in den vergangenen Monaten einige Bundesliga-Spiele angeschaut. Wie schätzen Sie die Liga ein?

Die Liga ist einer der größten Unterschiede zu Italien. Die Bundesliga hat nicht das allerhöchste Niveau. Es gibt mit Berlin und Friedrichshafen zwei Topteams, dahinter sechs professionelle Mannschaften. Der Rest arbeitet weitgehend unter Amateurbedingungen. Das macht es für mich als Bundestrainer natürlich nicht leichter. Bis zur U 21 gibt es viele Talente, die haben es dann aber schwer, sich in den Klubs durchzusetzen.

Würde eine Inländerquote wie in Italien helfen?

Ich habe da im Verband schon mal angefragt, aber das ist rechtlich eine ganz schwierige Angelegenheit. In Italien ist das auch keine Vorschrift, sondern eine freiwillige Abmachung der Klubs, dass immer drei Italiener auf dem Platz stehen sollen. Vielleicht wäre das auch hier möglich, da bedarf es aber einer guten Zusammenarbeit zwischen Verband und Vereinen. Ich kann nur Ideen geben und Vorschläge machen, der Rest ist Politik.

Das Gespräch führte Julian Graeber.

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