Volleyball-Bundestrainer Lozano : "Wir brauchen bessere Ausländer"

Volleyball-Bundestrainer Lozano über seine Mannschaft, den Generationenwechsel und den Willen, an die Spitze zu kommen.

Anke Myrrhe
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Foto: dpa

Herr Lozano, Sie sind seit Beginn des Jahres Volleyball-Bundestrainer der Männer, haben vor zwei Wochen die letzte Runde der WM-Qualifikation erreicht und spielen momentan in der European League. Wie ist Ihr Eindruck von der Mannschaft?



Ich bin sehr zufrieden damit, wie die Mannschaft arbeitet und auch mit den bisher gezeigten Leistungen. Auch wenn wir das eine oder andere Spiel nicht hätten verlieren müssen. Aber für die kurze Vorbereitungszeit läuft es sehr gut. Es sind gute Spieler und die Mannschaft wird jeden Tag besser. Wie bei jedem Neuanfang gibt es dabei noch Fehler.

Viele der erfahrenen Spieler haben das Team verlassen. Haben Sie das Gefühl, bei null anzufangen?

Natürlich hätte ich gern die gesamte Gruppe, die in Peking war, dabei gehabt. Um den Wechsel langsamer zu vollziehen. Nun sind die jüngeren Spieler sofort gefordert. Wir arbeiten sehr hart daran, sie so schnell wie möglich einzubinden. Das Potenzial ist in jedem Fall da, aber die Unerfahrenheit ist schon ein Nachteil, weil wir sonst auch ein anderes Trainingsniveau gehabt hätten. Da haben Mannschaften wie Brasilien oder Russland einen klaren Vorteil.

Diese Teams zählen zur Weltspitze. Wo ordnen Sie die Deutschen derzeit ein?

Für mich gibt es neben Brasilien und Russland nur drei Teams, die zurzeit besser sind als wir: die USA, Italien und Polen. Mein Ziel ist es, die Mannschaft schnellstmöglich an die Weltspitze heranzuführen, aber das ist ein langer Prozess, den ich jeden Tag im Training begleiten muss. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch schwer einschätzen, wie weit die Mannschaft ist, auch nervlich.

Auf welche Spieler setzen Sie besonders?

Für mich bilden die erfahrenen Björn Andrae, Jochen Schöps und Simon Tischer das Gerüst des Teams. Alle anderen müssen sich an ihnen orientieren.

Diese Drei spielen alle im Ausland. Ist die deutsche Liga zu schwach, um starke Spieler auszubilden?

Das Hauptproblem in Deutschland ist die fehlende Ausgeglichenheit der Liga. Die Nationalspieler, die hier spielen, müssen nicht wöchentlich ihre Topleistung abrufen, um zu gewinnen. In der russischen oder italienischen Liga ist das anders.

Wo müsste man ansetzen?

Eins vorweg: Das ist keine Frage des Geldes! Mit etwas Kreativität kann man viel machen. Die Ausländer, die in Deutschland spielen, sind keine guten Ausländer. Es müssen junge Talente aus dem Ausland verpflichtet werden. Dafür braucht man kein Geld, sondern gute Kontakte und bessere Scouts. Dadurch würde das Niveau der Liga automatisch steigen. Ich möchte auch die Zusammenarbeit zwischen der Liga und der Nationalmannschaft verbessern. Der Verband kann Fortbildungen für Trainer anbieten. Je besser die sind, desto besser wird die Liga. Und natürlich müssen die Vereine mehr Geld in die Jugendarbeit stecken. Da gibt es wenige, die sich Mühe geben.

Sie wohnen in Argentinien. Wie oft haben Sie vor in Deutschland zu sein?

Ich bin jetzt fünf Monate am Stück in Deutschland. Wenn die Spieler wieder bei ihren Vereinen sind, kann ich ohnehin wenig tun. Meine Familie lebt in Argentinien, wir sind Argentinier, das ist anders als bei Jürgen Klinsmann damals. Ich habe bisher immer so gearbeitet und nie Probleme gehabt. Wenn ich das ganze Jahr hier wäre, würde das den Verband auch erheblich mehr Geld kosten.

In der WM-Qualifikation trifft Ihr Team auf Russland, Finnland und Belgien. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Es wird ein schweres Turnier. Die Russen haben zwar den Trainer gewechselt, aber sie haben ein solches Potenzial an guten Spielern, dass sie wohl von der Substanz her die bessere Mannschaft sind. Mit den Finnen liegen wir ungefähr gleichauf. Sie haben eine Mannschaft und ein Trainerteam, das schon seit Jahren so zusammenarbeitet. Das ist in Verbindung mit dem Heimvorteil ein deutliches Plus für sie. Belgien ist wahrscheinlich die schwächste von den vier Mannschaften. Es wird also schwer, aber natürlich wollen wir uns für die Weltmeisterschaft qualifizieren.

Das Gespräch führte Anke Myrrhe.

Raúl Lozano, 52, ist Trainer der deutschen Volleyball-Männernationalmannschaft. Zuletzt war der Argentinier Trainer der Polen. Heute geht es in der Europaliga in Bremen gegen Griechenland.

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