Sport : Volleyball: Eine Zielscheibe kippt nicht

Ernst Podeswa

In Ballspielen ist es üblich - weil erfolgversprechend -, den Gegner vor überraschende Situationen zu stellen. Mit Finten, mit Tricks. Beim Volleyball erlebt man das, wenn Leute wie wild am Netz springen und die Arme durch die Lüfte peitschen - ohne den Ball auch nur treffen zu wollen. Aber dann gibt es auch die fast hundertprozentig vorhersehbare Aktion als Erfolgsrezept.

Ein Spiel mit Ansage war es gestern beim zweiten Weltligaspiel Deutschland gegen Brasilien, das wie tags zuvor 1:3 (14:25, 25:19, 23:25, 24:26) endete, vor allem für Björn Andrae. Den 20-jährigen Marzahner, der seine erste Saison beim Meister Friedrichshafen bestritt und sich dort sprunghaft verbesserte, hatten die Gäste bei ihren Aufgaben als eine Art Zielscheibe erkoren. Der junge Mann gehörte wie der Wuppertaler Frank Bachmann (23) und der Leipziger Mark Siebeck (25) zu dem Trio, in deren Unterarme Bundestrainer Stelian Moculescu die Annahme der gegnerischen Aufschläge gelegt hatte. Doch Brasiliens Trainer Bernardo Rezende, der die Volleyballerinnen seines Landes zu zwei olympischen Bronzemedaillen führte, waren die Angriffskünste des größten deutschen Volleyballtalents nicht entgangen. 15 Gewinnpunkte buchte der zwei Meter lange Bundeswehrangehörige im ersten Vergleich - soviel wie kein anderer Deutscher. Also orientierte Rezende, der schon mal fehlende Linienrichter mit Blicken zu meucheln scheint, seine Burschen auf die deutsche Nummer fünf. Und sie hielten sich daran: Ob Zuspieler Mauricio Lima (33/385 Länderspiele), André Heller oder Gustavo Endres - Andrae konnte fast sicher sein, dass sie den Ball auf ihn servieren würden. Mal kurz, mal lang, mal als Flattermine, mal als Bogenlampe. Er sollte unter Druck geraten, verunsichert und beschäftigt werden, um seinen Angriffselan zu dämpfen.

Das aber gelang nicht. Auch wenn die Unterarme brannten, die Bälle ab und an in die Ränge flutschten statt zum Zuspieler Ilja Wiederschein - Andrae hielt stand. Immer wieder von Moculescu beraten und aufgemuntert, sich mit gelungenen Angriffsattacken selber aufputschend. Hat er sich nicht während des 93-minütigen Kampfes vor 2400 Zuschauern mal eine Atempause gewünscht? "Nein. Wer so ein Bedürfnis hat, ist in der Weltliga fehl am Platze. Und in der Euphorie tut sowieso nichts weh. Da ist man wie im Rausch." Eine Einstellung, die ihn bei Moculescu zusammen mit seinem Potenzial zum Lieblingsschüler hat werden lassen. "Er spielt erst seit einem Jahr bei mir auf der Annahmeposition und wird noch zwei Jahre brauchen", sagt der Bundestrainer. In zwei Jahren ist Andrae 22 - und der deutsche Verband Gastgeber der EM. Und dann dürften ihn der diesmal fehlende "einzige deutsche Annahmespieler internationaler Klasse" (Moculescu), Wolfgang Kuck, sowie der gegen Brasilien vermisste Libero Vincent Lange (SCC) ein wenig aus der Schusslinie nehmen.

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