Volleyball-EM der Frauen : Deutschland vor dem Halbfinale gegen Belgien

Mit Moral wollen die Volleyballerinnen am Freitag in Berlin gegen Belgien ins EM-Finale einziehen. Der Traum vom ersten deutschen EM-Sieg seit der Wende lebt weiter.

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Eine andere Art von Größe. Mit 1,71 Metern gehört Kathleen Weiss (rechts, mit Heike Beier) zu den kleineren Spielerinnen, dafür ist ihr Kampfgeist überragend.
Eine andere Art von Größe. Mit 1,71 Metern gehört Kathleen Weiss (rechts, mit Heike Beier) zu den kleineren Spielerinnen, dafür...Foto: dpa

Eine halbe Stunde nach Spielschluss war die Stimmung noch immer überschäumend. Während seine Spielerinnen mit leuchtenden Augen ihre neuen Glanztaten in Mikrofone und Kameras berichteten, ging Bundestrainer Giovanni Guidetti in ihrem Rücken Richtung Kabine und schüttete im Vorbeigehen jeder einzelnen Spielerin Wasser in den Nacken. Die Folge war ein großes Juchzen, Mittelblockerin Corina Ssuschke-Voigt schaute verdutzt nach hinten und teilte beruhigt mit: „Na ja, ist ja nur Wasser.“

Schon am Freitagabend, wenn in Berlin das Halbfinale um die Volleyball-Europameisterschaft der Frauen beendet ist, könnte das gleiche Prozedere mit anderen Getränken stattfinden. Wenn es nach dem Willen der deutschen Mannschaft geht. Die ist auf ihrem Weg zum angestrebten Titelgewinn bei der Heim-EM auf die Zielgerade eingebogen, das Projekt Gold befindet sich in der Endphase. Vier Siege haben die Spielerinnen bislang gefeiert, der letzte war ein rauschendes 3:0 im Viertelfinale gegen Kroatien. In Berlin kamen Guidetti und seine Spielerinnen am Donnerstag erst mit zweistündiger Verspätung an, nachdem ihr Zug mit einem Getriebeschaden ausfiel. In der Hauptstadt bestreitet die deutsche Mannschaft am Freitag (20 Uhr, live auf Sport 1) in der Max-Schmeling-Halle das Halbfinale gegen Belgien. Dafür waren am Donnerstag noch rund 3000 Karten übrig, das Endspiel am Samstag ist schon fast ausverkauft.

Dies sei zwar ein schwerer, aber durchaus schlagbarer Gegner, betonte Guidetti, nachdem die Prüfung gegen die Kroatinnen mit einem 3:0 souverän bestanden war. Fünfmal sind die deutschen Frauen in dieser Saison dem Nachbarn begegnet, dreimal gab es einen Sieg. Unter anderem im Finale der Europa League, als Deutschland mit 3:2 die Oberhand behielt. Der Traum, nach den beiden Titeln durch die Mannschaft der DDR in den Jahren 1983 und 1987 wieder Europameister zu werden, lebt also weiter. Auch wenn Guidetti sagt: „Die spielen so wie wir. Gute Aufschläge, gute Organisation im Block und in der Feldabwehr – ich erwarte ein schweres Spiel.“

So wie gegen die physisch robusten Kroatinnen, gegen die die Mannschaft um Spielführerin Margareta Kozuch verbissen um jeden Punkt kämpfte und sich am Ende recht deutlich durchsetzte, weil sie wieder einmal auf ihre größten Tugenden vertrauen konnte. Seit Jahren glänzt die deutsche Auswahl mit bewundernswerter Moral und mitreißender Kampfkraft. Werte, die dieses Ensemble zu einer besonderen Mannschaft machen. „Genau das ist es, was uns als Team ausmacht, das haben wir uns über Jahre erarbeitet“, sagt Corina Ssuschke-Voigt: „Darauf sind wir sehr, sehr stolz.“

Wenn die Mittelblockerin durch das Netz auf die andere Seite des Spielfelds blickt, wundert sie sich manchmal, dass es ihre Gegnerinnen anders halten. Wie fast alle ihre Mitspielerinnen verdient die Dresdnerin ihr Geld im Ausland, zuletzt war sie in Baku (Aserbaidschan) beschäftigt. In ihren Klubs erlebt sie regelmäßig, „wie eine Ansammlung von Stars einfach so zusammenspielt ohne zusammenzuhalten“. So wie am Mittwochabend die Kroatinnen, „da hat doch niemand für den anderen gekämpft“.

Die deutsche Mannschaft macht es besser, weil sie keine Alternative hat. Eine Athletin wie Zuspielerin Kathleen Weiß, die für Bergamo in der italienischen Liga die Bälle verteilt, ist mit 1,71 Metern eigentlich viel zu klein für das europäische Spitzenniveau. Dennoch spielt sie gemeinsam mit ihren Mitspielerinnen eine gute Rolle, „weil kein Team so kämpfen kann wie wir“. Das essenzielle Gefühl des Miteinanders haben die deutschen Volleyballerinnen seit Jahren verinnerlicht.

Der Protagonist dieser Kultur heißt Giovanni Guidetti. 2006 übernahm der 40-Jährige die deutsche Auswahl. Wenn der Bundestrainer über die Mannschaft seines Herzens redet, spricht er über Liebe und Leidenschaft. Nach dem Erfolg gegen Kroatien sagte Guidetti: „Ich danke Gott, dass Volleyball ein Mannschaftssport ist. Wir sind nicht größer als die anderen, haben nicht die bessere Technik oder mehr Kraft. Aber wir sind ein Team.“ Zwei Siege fehlen noch, um das Werk von Giovanni Guidetti und seinen Schützlingen zu krönen. Dann kann endlich Sekt fließen.

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