Volleyball-EM : Der Mann mit Karte und Kompass

Dank Vital Heynen ist Deutschland Mitfavorit bei der Volleyball-EM. Der Bundestrainer hat Erfolg mit unkonventionellen Trainingsmethoden.

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Akribisch und unkonventionell. Bundestrainer Vital Heynen hat Deutschlands Volleyballer weit nach vorne gebracht. Foto: dpa/Pleul
Akribisch und unkonventionell. Bundestrainer Vital Heynen hat Deutschlands Volleyballer weit nach vorne gebracht. Foto: dpa/PleulFoto: picture alliance / dpa

Wenn Vital Heynen nicht gerade in einer Sporthalle steht und ein Volleyballspiel verfolgt, dann sieht er sich eine DVD an, oder er liest ein Buch. Die DVD spielt in der Regel eine Volleyballbegegnung ab, und das Buch, das er liest, handelt meist von einem Spiel namens Volleyball. Es ist untertrieben, Vital Heynen einen Volleyballverrückten zu nennen. Der Belgier liebt und lebt dieses Spiel. Und nach dreieinhalb Jahren, die er inzwischen die deutsche Nationalmannschaft der Männer trainiert, lässt sich bilanzieren, dass Heynen ein Glücksfall für den deutschen Volleyball ist. Wenn am heutigen Freitag die Europameisterschaft in Bulgarien und Italien beginnt, dann geht Deutschland als Mitfavorit ins Turnier. Vor dreieinhalb Jahren wäre dies undenkbar gewesen.

Es gibt kaum jemanden im Dunstkreis des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), der die starken Leistungen der Männer-Nationalmannschaft nicht in erster Linie an ihrem unkonventionellen Trainer festmacht. Dabei wird Heynen nicht nur aufgrund seines Inselwissens in Sachen Volleyball geschätzt, sondern auch weil er seine Trainerlehre in einen ganzheitlichen pädagogischen Ansatz einbettet. Die Suche nach dem perfekten Spiel verknüpft er mit der Suche nach dem eigenen Ich.

So hatte er in Vorbereitung auf das EM-Turnier in Bulgarien und Italien die sogenannte Höllenwoche ausgerufen. Er verordnete im Trainingslager in Kienbaum ein Handy-, Fernseh- und Internetverbot. Das Trainingslager gipfelte darin, dass Heynen die Spieler mit einem Kompass, einer Karte und einem Zelt im Rucksack in den Wald schickte. 24 Stunden musste jeder für sich umherstreifen, die Nacht dort alleine verbringen und sich schließlich dank Karte und Kompass an einem bestimmten Ort wieder einfinden. „Ich will, dass die Spieler über das Leben nachdenken und sich selbst besser kennenlernen. Denn ich bin davon überzeugt, dass jeder Einzelne aus dieser Woche mental gestärkt hervorgeht und somit auch die Mannschaft stärker wird“, begründete Heynen die Maßnahme.

Deutschland so stark wie lange nicht mehr

Dabei ist die deutsche Mannschaft jetzt schon so stark wie lange nicht mehr. Vital Heynen scheint es mit seinen unkonventionellen Methoden geschafft zu haben, dass die Spieler an sich glauben. Sie wissen jetzt einfach, dass sie Erfolg haben können.

Lange Zeit war dieses Selbstverständnis in der deutschen Nationalmannschaft nicht besonders ausgeprägt. Die besten deutschen Volleyballspieler haben in der Nationalmannschaft noch nie ein großes Turnier wie eine Welt- oder Europameisterschaft gewonnen. Das beste Ergebnis bei Olympischen Spielen schaffte Deutschland 2012 in London mit einem fünften Platz, zwei Jahre später holte eine deutsche Männermannschaft erstmals mit Bronze eine Medaille bei einer Volleyball-WM. All die Erfolge, zuletzt auch der Sieg bei den Europaspielen in Baku, gelangen unter dem Trainer Vital Heynen.

Aufgrund der jüngsten Vergangenheit sind die Erwartungen an das Team vor dem ersten Gruppenspiel heute um 19.30 Uhr gegen Bulgarien groß – nicht nur, was das Turnier betrifft, sondern auch den Volleyball in Deutschland als Ganzes. Die Verantwortlichen der Volleyball-Bundesliga (VBL) haben ambitionierte Ziele und wollen mehr Geld generieren. Mit ProSiebenSat 1 konnte zuletzt ein bestens vernetzter Partner als Vermarkter gewonnen werden. Jetzt hoffen sie bei der VBL, dass ein erfolgreiches Abschneiden der Nationalmannschaft bei der EM der Liga einen Schub gibt. „Wenn das deutsche Team auch bei der anstehenden EM so erfolgreich agiert, wird das eine enorme Strahlkraft auf die Bundesliga haben“, sagt VBL-Vizepräsident Andreas Bahlburg, der diesbezüglich sehr zuversichtlich ist. Denn: „Vital Heynen macht einen großartigen Job.“

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