Volleyball-EM : Doch kein Medaillenkandidat

Mit großen Hoffnungen fuhren die deutschen Volleyballer zur EM – und enttäuschen dort. Nur dank Frankreichs Hilfe erreicht das Team die Zwischenrunde.

Felix Meininghaus

Berlin - Richtig putzig sieht das aus, wenn Raul Lozano inmitten seiner Spieler steht, um sie in den Auszeiten zu instruieren. Man muss dabei wissen, dass der Argentinier gerade mal 1,63 Meter misst, während die von ihm trainierten Volleyballer fast alle mindestens 30 Zentimeter größer sind. Mit strengem Blick schaut der 53-Jährige nach oben und vermittelt den langen Kerlen, was er von ihnen erwartet. Raul und die großen Männer – in diesem Sommer war das bislang eine wunderbare Geschichte. Seit der Stratege das Amt des Bundestrainers übernommen hat, feierten Deutschlands Volleyballer schöne Erfolge. Erstmals gewannen sie die Europaliga und bewältigten die WM-Qualifikation mit Bravour.

Nur als Gruppendritter in die Zwischenrunde

Doch bei der Europameisterschaft in der Türkei hat das deutsche Team eine lausige Vorrunde gespielt. Dem zähen 3:2 im Auftaktmatch gegen die Gastgeber folgten Niederlagen gegen Polen und Frankreich. Nur durch den 3:0-Erfolg der Franzosen am Sonntag gegen die Türkei qualifizierten sich die Deutschen überhaupt als Gruppendritter für die Zwischenrunde. Dort treffen sie auf Griechenland, Titelverteidiger Spanien und die Slowakei. Doch die ersehnte erste EM-Medaille in der deutschen Volleyball- Geschichte scheint in weiter Ferne, weil das Team die 0:4 Punkte aus der Vorrunde mitnimmt.

Am Morgen nach dem 1:3 (25:21, 14:25, 20:25, 23:25) gegen Frankreich sprach Lozano von seiner Verärgerung, „dass wir es nicht geschafft haben, auf unserem besten Niveau zu spielen“. Vielleicht habe man sich von den Erfolgen zu Beginn dieser Saison blenden lassen: „Die EM hat ein sehr gutes Niveau. Wir spielen quasi eine WM ohne Brasilien und die USA“, sagte Lozano. „Die Partien, die wir in der European League gemacht haben, waren auf einem niedrigeren Niveau.“ Lozano vergleicht die Entwicklung seiner Mannschaft mit der eines Tennisspielers, der kleinere Turniere gewinnen könne, doch beim Grand Slam früh ausscheidet, weil die gesamte Weltspitze vertreten ist.

Der Siegeswille nach Rückständen fehlt

Die fehlende Konstanz des deutschen Teams ist bei der EM auffällig. „Es war wieder ein ewiges Auf und Ab“, sagte Mittelblocker Max Günthör nach der Niederlage gegen Frankreich: „Im dritten Satz holen wir einen Fünf-Punkte-Rückstand auf und kassieren dann vier Zähler in Serie. Das zermürbt.“ Lozano vermisst die nötige Souveränität in den Aktionen: „Sobald wir in einen kleinen Rückstand geraten, können wir die Niederlage nicht aufhalten.“ Vor allem im Block und im Aufschlag – vor der EM Elemente, die zu den Stärken gehörten – agieren die Deutschen viel zu wechselhaft.

Auch der unbedingte Siegeswille nach Rückständen war nur in Ansätzen zu sehen. „Wir haben uns in unser Schicksal ergeben“, sagte Außenangreifer Björn Andrae. Ein Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten, als sich die deutschen Volleyballer immer dann, wenn es um alles ging, von der Angst vor der eigenen Stärke lähmen ließen. Und so reift beim Deutschen Volleyball-Verband die Erkenntnis, dass man zwar einen der weltweit renommiertesten Trainer engagiert hat, dies allein aber nicht reicht, um aus den Volleyballern Medaillenkandidaten zu zaubern.

Trotz aller Enttäuschung spricht Lozano von einem Schritt nach vorn. „Die Erfahrungen, die junge Spieler sammeln, die noch nie ein Turnier auf diesem Niveau gespielt haben, nehmen sie mit. Selbst wenn die Ergebnisse nicht so sind, wie wir uns das gewünscht hätten.“

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