Sport : Volleyball, nichts als Volleyball

Helen Ruwald

Wenn Ilja Wiederschein in Friedrichshafen einkaufen geht, kommt es vor, dass ihn Wildfremde angucken. Sie sagen nichts, sie gucken nur - was den 24-Jährigen ziemlich irritiert. Dabei sind es keine bösen Blicke, die ihn treffen. Die Menschen schauen zu Wiederschein hin, weil sie ihn erkannt haben. "Das ist manchmal schwierig. Hier fehlt die Anonymität", sagt der Zuspieler des Deutschen Volleyballmeisters VfB Friedrichshafen. Weil die Fußballer unterklassig herumdümpeln und die Stadt auch sonst nicht mit Spitzenteams gesegnet ist, sind die Spieler des dominierenden Volleyballteams der letzten Jahre kleine Berühmtheiten. Ungewohnt für einen wie Wiederschein, der bis vor kurzem beim SC Charlottenburg spielte. In Berlin erkannte ihn niemand.

Jetzt kommt Wiederschein zurück in die Anonymität. Mit Tabellenführer Friedrichshafen tritt er heute beim SCC an, dem Zweiten (15 Uhr, Sömmeringhalle). Auch zwei weitere Ex-Berliner wollen ihren alten Klub schlagen. Der 22-jährige Mittelblocker Norbert Walter wechselte ebenfalls im Sommer an den Bodensee, der 20-jährige Außenangreifer Björn Andrae schon vor einem Jahr.

Andrae, der als eines der größten deutschen Talente gilt, sollte beim SCC langsam aufgebaut werden. "Da war ich der junge Spieler aus der Jugend. Der damalige Trainer Brian Watson ist auf micht nicht so eingegangen", sagt er. Andrae war eine Randfigur. Nur eineinhalb Jahre später ist er Stammspieler beim Deutschen Meister. Er hat mit der Nationalmannschaft Spielpraxis in der Weltliga gesammelt, teils sogar in der ersten Sechs gestanden. Er ist eine Hauptfigur. Wiederschein war beim SCC Reservist, die Nummer zwei hinter Frank Dehne. Er dachte darüber nach, seine Karriere langsam ausklingen zu lassen, eine Ausbildung parallel zum Volleyball zu absolvieren. Dann zog er im Frühsommer an Dehne vorbei - in der Nationalmannschaft. "Da habe ich Blut geleckt und mir vorgenommen, ein richtig Guter zu werden." Er unterschrieb beim VfB.

Walter wollte weg vom SCC. Er spielte mal und mal nicht, außerdem verstärkte sich der SCC nach dem sportlichen Misserfolg der vergangenen Saison (Platz drei) mit drei Ausländern und war nicht traurig, einige Spieler loszuwerden. "Es gab interne Querelen und organisatorisch war einiges unprofessionell. Zum Play-off-Halbfinale nach Friedrichshafen sind wir erst am Spieltag angereist", sagt Walter, der in Friedrichshafen immer spielt, von Anfang an. Mit dem VfB kam er bereits gestern nach Berlin. Der Etat des SCC beträgt etwa 1,2 Millionen Mark, der des VfB zwei Millionen - an Hotelkosten muss nicht gespart werden.

Der Grund für den Erfolg des Berliner Trios heißt - Stelian Moculescu. Der Trainer des VfB Friedrichshafen und der deutschen Nationalmannschaft gilt als schnell aufbrausender, als ungemütlicher Zeitgenosse. Frank Dehne, dem ein Angebot vom VfB vorlag, soll gesagt haben: "Ein ganzes Jahr mit Mocu? Ich glaube, das wäre hart geworden." Er sagte ab. Doch Walter, Wiederschein und Andrae schwärmen für Moculescu. "Er ist der beste Trainer in Deutschland, was die Arbeit mit jungen Spielern angeht. Er hat Geduld, mit uns immer wieder das Gleiche zu machen", sagt Walter. Seine Kollegen erzählen begeistert vom beinahe täglichen Einzeltraining, das es beim SCC kaum gegeben habe. Wiederschein lernt "eine andere Technik des Zuspielens, damit ich nicht so leicht auszurechnen bin". Andrae ist von Moculescu vom Diagonalspieler, der nur angreift, zum Außenangreifer umgeschult worden, der annehmen können muss. Er musste ziemlich ackern, um die Annahme zu lernen, aber "jetzt werde ich mehr gebraucht. Wenn die Annahme schlecht ist, ist es schwer zu gewinnen." Zeit zum Training hat er genug - in Friedrichshafen ist abends unter der Woche nicht viel los. Traumhafte Zeiten für ehrgeizige Sportler - Alternativen zum Volleyball gibt es kaum.

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