Volleyball : Spielen gegen Pech und Unglück

Die chinesischen Volleyballerinnen haben viel durchmachen müssen – in Peking könnten sie dennoch ihren Olympiasieg wiederholen.

Frank Hollmann[Peking]
Volleyball
Die Chinesinnen sind in Form. Hier im Testspiel gegen Kuba. -Foto: Imago

Für die wenigen Chinesen, die sie noch nicht kennen, gibt es im Fernsehen gerade eine kleine Hilfe. „Ich bin Feng Kun“, erzählt die Spielmacherin des Volleyball-Nationalteams zu Beginn eines Werbespots, der seit Wochen im chinesischen Fernsehen rauf und runter läuft. Dabei müsste sie sich eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Seit den Olympischen Spielen 2004 kennt fast jeder in China die Zuspielerin das Nationalteams, dieses verschmitzte Gesicht, die burschikos kurz geschnittenen Haare, die funkelnden Augen. Im Finale von Athen lag China scheinbar aussichtslos mit 0:2 Sätzen gegen Russland zurück, als Feng Kun ihr ganzes Repertoire herausholte und ihre Mannschaft das Spiel noch drehte.

32 Goldmedaillen gewannen Chinas Sportler in Athen. Zwei lösten im Reich der Mitte besondere Begeisterung aus: die für Chinas ersten Leichtathletik-Olympiasieger, den Hürdensprinter Liu Xiang, und die für die Volleyballspielerinnen. Sie holten Chinas einziges Gold in einer Mannschaftssportart und zählen seitdem zu den populärsten Sportlern des Landes.

Die Volleyballspielerinnen haben sich auch ein besonderes Merkmal erarbeitet: ihre Willensstärke. Die brauchen sie nun auch, um das zu verarbeiten, was zuletzt alles passiert ist. Zwischen den Olympischen Spielen von Athen und Peking hat das Team wohl mehr durchlitten als jedes andere. Fast das ganze vergangene Jahr musste Feng Kun verletzt pausieren und kehrte erst Anfang 2008 zurück, gemeinsam mit Zhao Ruirui. Deren Leidenszeit dauerte sogar drei Jahre. Kurz vor Athen fiel die fast zwei Meter große Mittelblockerin mit einem Ermüdungsbruch aus, weitere Verletzungen folgten.

2006 verlor China fast alle Partien gegen die Volleyballgroßmächte Russland, Brasilien und Italien, selbst gegen Deutschland und Holland. In dieser Phase kritisierten Chinas Sportblätter sogar Trainer Chen Zhonghe, den Vater des Olympiasiegs von Athen. Er hätte zu hart trainieren lassen, hätte Leistungsträgerinnen zu wenig Regeneration gegönnt.

Es kam noch schlimmer, viel schlimmer. Am 15. Juni 2007 verunglückte Tang Miao, sprunggewaltiger Angreifer der chinesischen Männer und Ehemann von Nationalspielerin Zhou Suhong. Beim Training vor einem Testspiel in St. Petersburg krachte der 25-jährige Tang gegen die Wand der Sporthalle und blieb regungslos liegen: Querschnittslähmung vom Hals abwärts. Als seine Frau von dem Unfall erfuhr, brach sie im Trainingslager weinend zusammen.

Angesichts dieser Tragödien schien die Titelverteidigung in unerreichbare Ferne entrückt. Platz fünf sei in Peking eher realistisch, erklärte der Direktor des nationalen Volleyballcenters Xu Li. Frühzeitig wollte Xu die chinesischen Sportfans darauf vorbereiten, dass es vielleicht nichts wird mit dem erhofften Olympiasieg in einer Mannschaftsdisziplin. Denn außer den Volleyballerinnen haben bestenfalls noch die Basketballerinnen und Hockeyspielerinnen halbwegs realistische Chancen auf Gold.

Doch im Olympiajahr ist die Zuversicht ins Volleyballteam zurückgekehrt. Seit der Rückkehr von Zhao Ruirui und Feng Kun zeigen Chinas Spielerinnen wieder all ihre Fähigkeiten: perfekte Ballannahme, variables Spiel, gewaltige Schmetterschläge und unbändiger Siegeswille. Bei den jüngsten Spielen der Weltserie besiegten die Chinesinnen die Weltklasseteams aus Brasilien, Italien und Kuba in Fünf-Satz-Krimis. Da wurden Erinnerungen an das Finale von Athen wach.

„Der Olympiasieg hat das Leben meiner Spielerinnen verändert“, sagt Cheftrainer Chen Zhonghe. Sie würden jetzt zwar mehr verdienen, dafür stünden sie aber unter großem Druck. „Die Erwartungen von Fans, Medien und Funktionären seien enorm“, sagt der 51-Jährige kurz vor seinen letzten Spielen. Nach 18 Jahren als Assistenz- und Cheftrainer des chinesischen Nationalteams will sich Chen ganz seiner Familie widmen, dem Sohn, der Tochter und der pflegebedürftigen Mutter. Chens älterer Bruder, ebenfalls ein Trainer, starb bei einem Autounfall. 1992 verlor er seine Frau, seine Mutter ist seit einem Arbeitsunfall gelähmt. Schon lange vor den Dramen in seinem Team wusste der Mann, was Schicksalsschläge sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben