Sport : Volleyball: Von Olympia nach Olympia

Helen Ruwald

Der 27. Januar war kein stinknormaler Samstag. Es war der Tag, an dem die Junioren-Nationalspielerinnen des Volleyball-Bundesligisten VC Olympia (VCO) nicht bedröppelt in die Kabine tappten, ihr Trainer Jens Tietböhl nicht jammerte, dass die Mädchen in den entscheidenden Phasen "die Hosen voll haben". Der SC Emlichheim war geschlagen, 3:2. "Da war Erleichterung spürbar", sagt Kathy Radzuweit über den lang ersehnten ersten Sieg.

Es ist der einzige geblieben bei zwölf Niederlagen. Auf ein Jahr ist der Einsatz des VCO in der ersten Liga befristet, in der die Talente an das hohe Niveau herangeführt und fit gemacht werden sollen für andere Vereine. "Das war ein Riesensprung von der zweiten Liga, dort dümpelt man nur rum", sagt die 19-jährige Kathy Radzuweit. 1,96 Meter ist die Mittelblockerin lang, doch am Netz musste auch sie sich umstellen. Einfach hochspringen, das reicht in der höchsten Spielklasse nicht. "Das ist ein anderes Tempo, die Zuspielerinnen sind schwerer zu lesen." Als der VCO in den ersten Spielen den Spitzenteams Schwerin und Münster einen Satz abknöpfte, "da dachten wir, wir können mitspielen". Die Gegner nahmen den VCO überraschend schnell ernst, bereiteten sich vor - und gewannen. Der Euphorie folgte Ernüchterung.

"Es gibt Tage, da hat man absolut keinen Bock. Vor allem, wenn es auch noch in der Schule stressig ist", erzählt die Berlinerin, eine von zwei Spielerinnen, die nicht im Internat des Coubertin-Gymnasiums wohnen. Die Wohnung ihrer Mutter ist nur zehn Minuten von der Schule entfernt. Einerseits ist sie froh, nicht rund um die Uhr an den anderen zu kleben, andererseits sind ihr manchmal schon zehn Minuten Fußweg zu viel. Weil der Tag so vollgestopft ist, sie oft schon vor der Schule trainiert und erst abends um neun für die Leistungskurse Biologie und Erdkunde lernen kann. "Manchmal klappt man einfach das Buch zu, weil es keinen Sinn mehr hat", sagt sie. Sie hat sich für Schulstreckung entschieden, macht das Abitur erst im nächsten statt in diesem Jahr.

Die Frage, ob sich all der Stress lohnt, um Woche für Woche von der Konkurrenz abgewatscht zu werden, stellt sie sich nicht. Ihr Ziel heißt nicht Emlichheim. Sondern Athen. Bei den Olympischen Spielen 2004 will sie für Deutschland spielen. Im Januar beim Bremer Turnier gab sie ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft. Ganz unverhofft, "im Briefkasten lag plötzlich die Einladung". Weil sich mehrere Spielerinnen verletzten, stand sie immer in der Anfangsformation. Auch gegen den Olympiazweiten Russland mit vielen Weltklassespielerinnen - "das war schon komisch".

Nun haben die WM-Qualifikationsspiele mit den Juniorinnen Priorität. Und die Bundesliga. Heute spielt Radzuweit mit dem VCO im Derby gegen die Volley Cats (15 Uhr, Anton-Saefkow-Platz). In der nächsten Saison, wenn der VCO planmäßig abgestiegen ist und neue Talente in Liga zwei aufgebaut werden, blockt Kathy Radzuweit für die Cats. "Ich hoffe, die spielen dann besser als jetzt", sagt die 19-Jährige. Die Leistungsexplosion muss ja nicht unbedingt heute erfolgen. Denn der 11. März soll ein genauso denkwürdiger Tag werden wie der 27. Januar. Das Freibier jedenfalls steht bereit.

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