Sport : Volvo Ocean Race: Internet und Nähmaschine

Peter Geier/Bernd Genath (HB)

Skipperin Lisa McDonald weiß, was auf sie und ihr elfköpfiges Frauenteam in den kommenden neun Monaten zukommt: Eisbergen ausweichen, sich ans Boot ketten, um nicht von haushohen Wellen von Bord gespült zu werden, Kap Hoorn umsegeln und höchstens drei Stunden am Stück schlafen. Die Frauencrew der Nautor Challenge II hat sich ein halbes Jahr auf das Volvo Ocean Race vorbereitet. Doch mit einem hatte das Team nicht gerechnet: Ausgerechnet als Prinz Andrew auf dem Kreuzfahrtschiff Galaxy jetzt den Startschuss zur härtesten Segelregatta der Welt gab, riss das Spinnaker und die High-Tech-Yacht verlor sofort an Fahrt. Das Männerteam von Nautor Challenge I hingegen erwischte von Beginn an den besten Wind und führte das Feld der acht Boote an.

Was viele Beobachter als Marketinggag einstufen, ist für die 25- bis 33-jährigen Frauen knallharter Wettbewerb. Lisa McDonald ist überzeugt, die weltbesten Seglerinnen gefunden zu haben. "Wir haben Olympiamedaillen- und Admiralscup-Gewinnerinnen und sechs Frauen, die hier schon mal dabei waren. Wir sind genauso gut wie die Männer." Mindestens einen Vorteil haben die Frauen gegenüber ihren männlichen Kollegen auf jeden Fall: Sie sind um insgesamt 180 Kilogramm leichter. Eine Menge, wenn man sieht, wo Gewicht eingespart wird. Segler brechen die Schäfte ihrer Zahnbürsten ab, das Essen wird ohnehin nach Transportgewicht ausgewählt. Jedes Crewmitglied bekommt 700 Gramm pro Tag in Form eingeschweißter Tomatenspaghettis und kalorienhaltiger Bodybuildernahrung.

Aus Sicherheitsgründen müssen die Boote 13,5 Tonnen wiegen, 19,5 Meter lang und gut fünf Meter breit sein. Sie können bis zu 500 Seemeilen pro Tag zurücklegen, bisher lag die Bestmarke bei 450 Seemeilen. Da die Boote technisch fast identisch sind, entscheiden im wesentlichen zwei Punkte - die Qualität der Segel und das Team. Einen Topfavoriten gibt es nicht, allerdings haben die Race-Legenden Gunnar Krantz vom schwedischen Banken-Team SEB und der Neuseeländer Grant Dalton vom italienisch-finnischen Syndikat Nautor Challenge wohl die größte Erfahrung.

Aber auch Juan Vila, Navigator auf der deutschen Illbruck, war schon dreimal dabei. Drei Jahre lang testete die Crew des Leverkusener Unternehmens für Schall- und Wärmedämmung Hunderte von Segeln und alle Abläufe an Bord. Daher sind die Deutschen für den Koskipper der Konkurrenzyacht Nautor Challenge, den Holländer Bouwe Bekking, klarer Favorit. "Illbruck hat die beiden Schiffe gekauft, die letztes Mal vorne waren. Wenn wir in der Formel 1 wären, würde ich sagen, wir sind noch in der Aufwärmrunde, während Illbruck schon im richtigen Rennen seine Runden dreht."

Segelfans können sich täglich 24 Stunden über den Stand des Rennens und die Position der Boote informieren. Webcams auf allen Booten lassen die Yachten zu schwimmenden Big-Brother-Containern werden. Privatsphäre gibt es auf See ohnehin nicht. Erholen können sich die Crews nur während der Zwischenstopps in Kapstadt, Sydney, Auckland, Rio de Janeiro, Miami, Baltimore, La Rochelle und Göteborg. Zum ersten Mal in der 28-jährigen Regattageschichte verfügen auch die Mannschaften über Internetzugang an Bord. So wissen sie genau, wann und wo der nächste Sturm und die nächste Flaute warten. Doch manchmal hilft nur gute alte analoge Technik. Mit einer Nähmaschine flickte die Frauencrew ihr zerrissenes Spinnaker. Dann kämpfte sie sich sechs Stunden nach dem Start bis auf Platz drei vor. Noch hat sie 32 700 Seemeilen vor sich bis zur großen Feier im Juni 2002 in Kiel.

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