• Vom Angeklagten zum Zeugen Der Dopingfall des Radprofis Marco Villa erweist sich als Irrtum

Sport : Vom Angeklagten zum Zeugen Der Dopingfall des Radprofis Marco Villa erweist sich als Irrtum

Hartmut Moheit

Berlin. Dieses mögliche Szenario am Schlusstag des Berliner Sechstagerennens 2003 könnte Silvio Martinello schon öfters durch den Kopf gegangen sein: Vor dem finalen Spurt haben noch mehrere Teams eine Siegchance. Sein Teamgefährte Marco Villa bringt ihn ein letztes Mal in Schwung, Silvio Martinello tritt an – und gewinnt. Die Fans im Velodrom, von denen keiner mehr sitzt, jubeln ihm rundenlang zu, und der Sprecher verkündet, dass nun die Karriere des 39-Jährigen beendet ist. Das wäre ein Abschied für den Olympiasieger und Weltmeister Martinello aus der internationalen Radszene, wie er sich ihn nicht besser wünschen könnte.

Für 24 Stunden war nun allerdings fraglich geworden, ob es das italienische Fahrer-Duo im Velodrom überhaupt geben würde. Nachdem ein Bericht der „La Gazzetta dello Sport“ bekannt wurde, wonach Marco Villa zu jenen 53 Radprofis, Medizinern und Betreuern gehört, gegen die die Staatsanwaltschaft in Padua wegen Verstoßes gegen das Doping-Gesetz Anklage erhoben hat, stand der Start des Fahrers aus Abbiategrasso bei Mailand plötzlich in Frage. Erst ein Gespräch zwischen dem Belgier Patrick Sercu, dem Manager aller ausländischen Sechstagefahrer in Deutschland, ließ den Puls der Berliner Veranstalter auf ein Normalmaß sinken. „Ich bin nicht Angeklagter in diesem Prozess, sondern Zeuge“, soll Villa gegenüber dem Manager gesagt haben. Dieser wiederum unterrichtete den Berliner Veranstalter Heinz Seesing von dieser Aussage. Seesing glaubt Villa.

„Wir wollten ursprünglich von Villa eine Ehrenerklärung für die Sechstagerennen in Bremen, Stuttgart und Berlin haben, dass die Vorwürfe gegen ihn nicht stimmen“, sagte Seesing. Bei ihm hatte sich bereits die Berliner Schultheiss-Brauerei, die erneut das Patronat über das Team Martinello/Villa übernehmen möchte, nach den genauen Fakten in dem vermeintlichen Dopingfall erkundigt. Letztlich kam heraus, dass Villa in der Patientenkartei eines bekannten Arztes geführt wird, der unter Anklage steht. Dadurch ist Villa zum Zeugen geworden.

Erleichterung beim Sechstagerennen

Nachdem sich Marco Villa ausführlich erklärt hat, ist auch dem Berliner Sechstage-Idol Otto Ziege wohler zumute. „Wenn sich da was ergeben hätte, wäre ich sehr enttäuscht gewesen. Aber ich kenne Marco Villa als feinen, ruhigen Menschen, dem ich eine solche Unsportlichkeit nicht zugetraut habe. Jetzt bin ich froh, mich nicht getäuscht zu haben“, sagte Ziege. Er wird sich mit Marco Villa beim Bremer Sechstagerennen treffen. „Für mich gilt immer die Unschuldsvermutung, solange nichts anderes erwiesen ist“, erklärte Ziege, der sich nun wieder richtig auf den Januar freut.

Den Höhepunkt der Sechstagesaison soll Berlin erleben, wo alle Sieger des Jahres noch einmal gegeneinander antreten und das beste Team des Winters ermitteln werden. Die Veranstalter könnten sich natürlich auch andere Sieger als Martinello/Villa vorstellen. Aber käme es zu dieser Zuspitzung, dass die Berlin-Sieger von 1998 und 2000 auch im kommenden Jahr mit dem letzten Spurt gewinnen würden, wären auch sie garantiert nicht unglücklich. Silvio Martinello gönnen alle einen besonderen Abgang. Doch dazu braucht er seinen treuen Gefährten Marco Villa.

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