Sport : Vom Deutschen lernen heißt von Portugal träumen

Der einst ungeliebte Trainer Otto Rehhagel führt Griechenland beim 1:0 über die Ukraine zurück in den Kreis der ernst zu nehmenden Nationalteams

Andreas Morbach

Athen. Wenn Griechen feiern gehen, gehen sie sta bouzoúkia, in ein Busuki-Lokal. Dort wird allerdings nicht jene monotone, unerfreuliche Musik gespielt, die als Busuki- Musik auf Kassetten in der Athener Vergnügungsmeile Plaka an Touristen verkauft wird. In Busuki-Lokale gehen die Griechen selten vor Mitternacht, die Musik dort ist sehr laut, die Besucher werden von Stunde zu Stunde freigebiger und die Sängerinnen offenherziger.

Griechenlands Fußballer sind Mittwochnacht in Athen auch sta bouzoúkia gegangen. Versprengt in verschiedene Grüppchen kosteten sie ihren 1:0-Erfolg über die Ukraine aus, nachdem sie den Feierabend zuvor in ihrer Kabine im Leofóros-Stadion eingeleitet hatten. In der Kabine war auch Otto Rehhagel noch dabei, beim Streifzug durch die Hauptstadt nicht mehr. Der Trainer der griechischen Nationalmannschaft sprach am Ende der erfolgreichsten fünf Tage seiner knapp zweijährigen Amtszeit und als Tabellenführer der EM-Qualifikationsgruppe 6 lieber von einem „fantastischen Abend“. Dann nahm er noch die Ovationen der Zuschauer und die Gratulation des Präsidenten entgegen, tätschelte seinen Spielern die Köpfe – und zog sich ins Private zurück.

Diesmal wird ihn die einheimische Presse, anders als zu Beginn seiner Tätigkeit, jedoch nicht attackieren, weil er seltener in ihrem Land ist, als sie sich das von einem Nationalcoach wünscht. Oder weil er auf Neugriechisch immer noch nicht viel mehr sagen kann als „Heute ist ein schöner Tag“. Denn der Mann, der in seiner Heimat den SV Werder Bremen und den 1. FC Kaiserslautern zur deutschen Meisterschaft führte, hat mit und trotz seiner eigenwilligen Art auch im Südosten Europas Erfolg.

Es ist schon eine erstaunliche Serie, welche die Mannschaft von Otto Rehhagel hingelegt hat: in der Qualifikation vier Siege in Folge ohne Gegentor, dazu auswärts Spanien mit 1:0 besiegt. Die Spanier patzten am Mittwoch beim 0:0 in Nordirland erneut. Seitdem gelten die Spanier in Athen endgültig als großartige Menschen. „Gracias Amigos“, bedankte sich der Verband auf seiner Homepage erst einmal für die Tabellenführung. Die Aussichten für die Teilnahme der Griechen an der Endrunde 2004 in Portugal stehen jetzt prächtig. Der Verband überlässt es seinem deutschen Trainer, die Euphorie zu drosseln.

Und auf Otto Rehhagel ist Verlass. Zwei Siege bei den Gruppenschwächlingen Armenien und gegen Nordirland fehlen für den direkten Gang nach Portugal nur noch. Da sprach zwar auch der Trainer zunächst von einer „großartigen Woche“ und lobte seine „an ihrem Limit“ spielenden Fußballer. Doch dann ging er erwartungsgemäß zum Herkulesschen Teil seiner Arbeit über. „Schon nach dem großen Erfolg in Spanien gab es reichlich Glückwünsche für uns“, sagte Rehhagel, „für mich war es gar nicht so einfach, die Spieler wieder in die Realität zurückzuholen.“ Es ist Rehhagel ganz offensichtlich gelungen. Jetzt sagt er: „Die Qualifikation ist noch nicht gesichert.“ Damit hat er bei einem Punkt Vorsprung auf Spanien und drei Punkten auf die Ukraine natürlich Recht – dennoch staunen die Griechen über die Rückkehr ihrer Nationalmannschaft in den Kreis ernst zu nehmender Auswahlteams.

Gegen die Ukraine hatte ihre Elf ungefähr so oft den Ball und so viele Torchancen wie Deutschland auf den Färöern. Nach einer Viertelstunde leistete sie es sich sogar, einen Elfmeter zu verschießen. Und vier Minuten vor Schluss kam sie durch Bremens Angelos Charisteas doch noch zum Siegtreffer. Ioannis Topalidis, Assistent und engster Vertrauter von Otto Rehhagel, sagt: „Unser Geheimnis ist, dass uns der Trainer Siegermentalität beigebracht hat.“ So einfach kann Fußball sein.

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