Sport : Vom Druck befreit

Im Finale der German Open besiegt die Serbin Ana Ivanovic die Favoritin Swetlana Kusnezowa

Frank Bachner

Berlin - Ihren ersten Aufschlag begleitete ein mächtiger Schrei. Swetlana Kusnezowa legte den letzten Funken Kraft, den sie noch hatte, in diesen Ball. Es klang wie ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen. Aber der Ball landete im Aus, der zweite Aufschlag war drucklos, vergeben diese Chance im Tiebreak. Kusnezowa lag 4:6 zurück, und nun sank die Russin in sich zusammen. Sekunden später schrie Ana Ivanovic, aber diesmal war es ein spitzer, ein freudiger Schrei. Die Serbin hatte gerade ihren ersten Matchball verwandelt, sie hatte damit die German Open gewonnen, das größte Frauen-Tennisturnier in Deutschland. 3:6, 6:4, 7:6 (7:4) gegen Kusnezowa, Serbin gegen Russin, die Weltranglisten-16. gegen die Nummer vier der Welt. Eine Riesenüberraschung.

2005 und 2006 verabschiedete sich Ivanovic in Berlin bereits in der ersten Runde, bis zum Finale gestern hatte sie gerade mal zwei Turniere gewonnen. Und dann verletzte sie sich auch noch am linken Fuß, gegen Ende des zweiten Satzes. Gerade als sie wieder ins Spiel gefunden hatte nach ihrem relativ schwachen ersten Satz. Und nachdem sie zwei Breaks gegen die Russin erreicht hatte. Was genau passiert war, wusste sie nicht, aber die Schmerzen, die spürte sie. „Es tat sehr, sehr weh.“

Damit trafen zwei Gehandicapte im dritten Satz aufeinander. Ivanovic mit bandagiertem Fuß, Kusnezowa erschöpft von ihrem Halbfinalspiel am späten Vormittag gegen die Weltranglistenerste Justine Henin (Belgien). Am Samstagabend war das Spiel abgebrochen worden. „Das war sehr anstrengend“, sagte Kusnezowa.

Der Kraftverlust gegen Justine Henin war wohl einer der Gründe für ihre vielen Fehler gegen Ivanovic. Die beidhändige Rückhand zeigte kaum Wirkung, die Vorhandbälle schlug sie immer wieder ins Aus, die Aufschläge kamen zu selten richtig hart. Die Serbin spielte auch nicht fehlerfrei, aber sie schlug ein paar schöne Passierbälle, und sie machte mit der Vorhand Druck.

181 980 Dollar kassiert die 19-Jährige für ihren ersten Turniererfolg in diesem Jahr. Und schon durch ihre Endspielteilnahme hatte sie den Sprung unter die Top Ten geschafft, das bekam sie allerdings erst mit, als ihr am Samstagabend jemand gratulierte. „Wozu?“, fragte Ana Ivanovic.

Die Frage passt zum Gesamteindruck. Ivanovic wirkt nicht so, als sei dieser Sieg Teil eines Masterplans. Sie will Nummer eins in der Welt werden, das schon, das sagt sie auch, aber bitte, irgendwann mal. Nicht sofort und nicht durchkalkuliert. „Ich setze mich da nicht unter Druck.“ In der übrigen Zeit bei ihrer Pressekonferenz kicherte sie entweder oder verkündete mit großen Augen: „Es ist so aufregend. Ich genieße das jetzt total.“

Im Übrigen steigt Kusnezowa in der Weltrangliste ebenfalls: auf Rang drei. Die bloße Finalteilnahme wird honoriert. Gewonnen hat sie in Berlin noch nie, Steffi Graf dagegen neunmal. Der Hinweis ist nicht unbedeutend, schließlich hat Scheich Mohamed bin Faleh al Thani, der Präsident des katarischen Tennisverbands, die Idee, dass Graf, die frühere Weltranglistenerste, mal wieder in Berlin spielt. Im Rahmenprogramm sozusagen. Denn die Katari wollen im nächsten Jahr, zeitgleich zu den German Open, ein Seniors-Turnier für Frauen ausrichten, mit früheren Szenegrößen. Die Namen Graf und Sabatini hat der Scheich gestern schon mal in die Debatte geworfen. Aber er fliegt erst heute zurück. Bis dahin werden sie ihm in Berlin noch beibringen, dass er Graf gleich mal wieder streichen kann.

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