Sport : Vom Hot-Dog-Stand zu Olympia

Susen Tiedtke ist wieder zurück: In Athen will die Berlinerin als Weit- und Dreispringerin antreten

Daniel Meuren

Alzey. Es wird wie immer sein, heute Abend in Erfurt. Susen Tiedtke steht am fernen Ende der Weitsprunganlage. Unruhig geht sie zwei, drei Schritte nach vorn, dann wieder zwei, drei Schritte zurück. Und dann wird sie anlaufen, elegant wie immer, begleitet vom rhythmischen Klatschen der Zuschauer, die beim internationalen Sportfest in Erfurt ihren Weg bis in die Sandgrube gebannt verfolgen werden. Susen Tiedtke wird springen, aus dem Sand krabbeln, ihre Weite registrieren und zufrieden lächelnd ins Publikum winken. Die Zuschauer werden die fröhlich-beschwingte Art der gebürtigen Berlinerin wie immer lautstark honorieren, auch wenn die gemessene Weite mehrere Dutzend Zentimeter unter internationalem Spitzenniveau liegt.

Hauptsache ist, dass Susen Tiedtke, ob ihres aparten Auftretens gleich mehrfach zur „Miss Leichtathletik“ erkoren, nach einer langen Pause zurück ist. Und somit einer der strahlendsten Sterne der deutschen Leichtathletik. Bei den Olympischen Spielen in Athen will Tiedtke nach zwei Teilnahmen an den Spielen in Barcelona und Sydney gleich doppelt ran, im Weit- und Dreisprung. „Im Dreisprung ist ja in Deutschland fast nichts los. Die Olympianorm von 14,20 Meter sollte ich schon schaffen“, sagt Tiedtke selbstbewusst, schon lange bevor sie im März in Südafrika erstmals in ihrem Leben in einem Wettkampf drei Sprünge hintereinander machen wird. „Weit- und Dreisprung sind sich so ähnlich, dass das machbar ist. Früher habe ich das nur aus Angst vor Verletzungen nicht gemacht.“ Das Selbstvertrauen der 35 Jahre alten Athletin vor ihrem Comeback verblüfft. Ihren letzten Sprung setzte sie schließlich vor 18 Monaten in den Sand, ihre Weitsprung-Bestweite von genau sieben Metern sprang sie vor einem Jahrzehnt. 2002 schien ihre Karriere dann ein zwangsläufiges Ende zu nehmen. Verletzungen hatten ihr die Lust aufs Training geraubt.

„Ich war mental nicht mehr in der Verfassung für Leistungssport“, sagt Tiedtke heute. Zum Regenerieren suchte sie sich einen eher ungewöhnlichen Ort aus: Am Hot-Dog-Stand ihres Freundes, mit dem sie seit einigen Jahren in Alzey bei Mainz wohnt, verkaufte sie Würstchen. Teils hämische Schlagzeilen waren die Folge. „Ich möchte das zwar später nicht unbedingt wieder machen. Aber es war dennoch eine tolle Zeit“, sagt Susen Tiedtke in gewohnter Offenherzigkeit, die böswillige Beobachter gerne als naiv bezeichnen. Ihr habe der Umgang mit den Kunden auf Schulhöfen, vor Supermärkten oder bei Festen sehr viel Spaß gemacht. Das vermisse sie, wenn sie nun jeden Morgen und jeden Nachmittag auf dem Gelände ihres neuen Vereins Eintracht Frankfurt trainiere. Ohne Trainer, ganz allein. Nur beim monatlichen Besuch bei ihrem Vater, der wie früher ihre Sprungtechnik analysiert, übt sie unter Anleitung.

„Das klappt eigentlich toll. Ich verkrafte das einsame Training ganz gut“, sagt Susen Tiedtke. Ihre Kraft- und Ausdauerwerte seien auf demselben Niveau wie vor ihrer Wettkampfpause. Über die Trainingsweiten schweigt sich Susen Tiedtke aus, aber das ist in der Branche so üblich. Es scheint aber, als habe Susen Tiedtke nach bewegten Jahren zurück zu sich selbst gefunden.

Es ist viel passiert in ihrem turbulenten Leben. Da war zunächst die Sperre wegen Dopings, das Tiedtke bis heute bestreitet. Es folgte der Umzug nach Ohio und, nach der gescheiterten Ehe mit dem amerikanischen Weitspringer Joe Green, die Rückkehr nach Deutschland. Susen Tiedtke landete im beschaulichen, vom Weinbau geprägten Rheinhessen. Dort wohnte sie sogar eine Zeit lang auf einem Bauernhof. „Hier in der Gegend gefällt es mir einfach. Die Leute sind nett, die Weinfeste machen Spaß, es ist alles nicht so anonym wie in Berlin.“ Ihre Zukunft will sie deshalb wahrscheinlich auch in der Provinz verbringen.

Wie es dann beruflich weiter geht, ist ungewiss. Ein, zwei Jahre will die ewige Kronprinzessin der deutschen Weitsprungkönigin Heike Drechsler noch springen, aber auch nur, wenn sich das Ganze finanzieren lässt. Unterstützung erhält sie bislang lediglich von ihrem Verein und einem Sponsor, der naturreine Nahrungsergänzungsmittel herstellt. Allzu weit in die Zukunft will Susen Tiedtke noch gar nicht denken. Es scheint eher, dass sie noch eine Rechnung mit all jenen zu begleichen hat, die sie als Sportlerin nie restlos ernst genommen haben. Tiedtke träumt nach den Plätzen acht und sechs bei den Spielen 1992 in Barcelona und 2000 in Sydney von einer Medaille bei ihren dritten Spielen.

Eine Medaille in Athen wäre die Krönung einer olympischen Karriere, die sich viel ungewöhnlicher hätte entwickeln können. Susen Tiedtke könnte eine ganz besondere Heldin der deutschen olympischen Geschichte sein. Mit 15 Jahren gehörte sie zu den besten Turnerinnen der DDR und war 1984 bereits für die Spiele in Los Angeles nominiert. Der Boykott der Ostblockstaaten zerstörte den Traum von der Olympiateilnahme. Später wechselte sie über den Stabhochsprung zum Weitsprung. Ihren eleganten Anlauf vom Turnen behielt sie im Weitsprung bei und wurde damit zu der oft bewunderten Ästhetin an der Sandgrube. In Athen will sie nun endlich für das angemessene sportliche Aufsehen sorgen.

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